Stefan Zweig Spaziergang mit dem Landestheater Salzburg

Foto: Salzburger Landestheater

Foto: Salzburger Landestheater

Elisabeth Pichler. Stefan Zweig lebte von 1919 bis Mitte der dreißiger Jahre in Salzburg,  in „einem  kleinen Schlösschen mit wunderbarem Garten“ am Kapuzinerberg. Seine damalige Frau Friderike erinnert sich an diese Zeit und liest auf einer Wanderung durch die Stadt aus Briefen, Tagebüchern und Essays.

Wir treffen Friderike im Garten der Edmundsburg, wo zu ihrem großen Erstaunen heute das „Stefan Zweig Centre“ untergebracht ist, ein Ort für Literatur, Kunst und Wissenschaft mit einem Archiv, einer Forschungsstätte und einer Ausstellung zum Leben und Werk ihres Mannes. Kaum hat sie sich vorgestellt und aus einem frühen Gedicht ihres Mannes rezitiert, tritt er selbst auf: eine imponierende Erscheinung im eleganten dunklen Anzug mit Hut, eine etwas distanzierte Künstlerpersönlichkeit durch und durch.

Friderike erzählt vom Beginn ihrer Freundschaft mit Stefan Zweig, der sehr eigenwilligen Hochzeit, bei der sie selbst nicht anwesend war, und wir erfahren Details ihrer nicht ganz unkomplizierten Ehe, denn Stefan Zweig, der „meistgelesenste Schriftsteller“ seiner Zeit, war ein rastloser Geist und ständig auf Reisen. So ist er auch auf diesem Sparziergang zwar ständig präsent und liest kurze Textpassagen, doch ganz plötzlich verschwindet er wieder wortlos in der Touristenmenge. Es lässt sich gut nachvollziehen, dass Friderike sich oft alleingelassen und mehr wie eine „Korrespondenzverwalterin“ gefühlt haben muss, bezeichnend, dass er sie in seinen Briefen „mein Lamm“ nennt.

Als Stefan Zweig nach Salzburg kam, schätze er die Verschlafenheit dieses Provinznestes, den Festspielen konnte er nie viel abgewinnen, „zu viel Betrieb, zu viel Kulisse“. Trotz dieses heutzutage ganzjährig die Altstadt beherrschenden Trubels gelingt es den Künstlern jedoch auf ihrem Spaziergang, immer wieder intime Räume zu schaffen: im Toscaninihof, am Domplatz, wo an die Bücherverbrennung erinnert wird, am Alten Markt, ja sogar mitten auf der Staatsbrücke. In einem kleinen Handwagen werden Requisiten dezent und unauffällig mitgeführt: ein Tisch, zwei Sessel, ein alter Koffer, der an die vielen Reisen erinnert, und ein Schachbrett. So treffen wir neben dem Cafe Tomaselli plötzlich auf Stefan Zweig, ganz vertieft in ein Schachspiel. Der Rundgang endet auf dem Kapuzinerberg. Der Schriftsteller steht mitten im Garten seines ehemaligen Domizils, Friderike öffnete das schmiedeeiserne Tor, auf dem das Schild „zu verkaufen“ hängt, und geht gemeinsam mit ihrem Mann auf die Aussichtsterrasse, um einen letzten Blick auf die traumhaft schöne Kulisse Salzburgs zu werfen.

Ulrike Walther zeichnet Friderike Zweig als starke, selbstbewusste  Frau, die viel von ihrer Persönlichkeit aufgeben musste, denn die 15 Jahre Ehe waren nicht immer leicht. Sascha Oskar Weis ist ein junger, dynamischer Stefan Zweig mit dem Egoismus einer großen Künstlerpersönlichkeit. Astrid Großgasteiger gelingt es mit dieser Inszenierung, mitten im Salzburg von heute eine längst vergangene Epoche wieder auferstehen zu lassen. Ein ganz spezielles Erlebnis für jeden Salzburger, für jeden Verehrer der Werke Stefan Zweigs, die klug ausgewählten Textpassagen zeugen von seiner fesselnden Erzählkraft und brillianten Stilistik.

Stefan Zweig Spaziergang – Landestheater Salzburg in Zusammenarbeit mit dem Stefan Zweig Centre / Inszenierung: Astrid Großgasteiger / Dramaturgie: Bettina Oberender / Kostüm: Alois Dollhäubl / Maske: Jutta Martens / Requisite: Günther Brunner / Mit: Ulrike Walther, Sascha Oskar Weis, Felix Mayrhofer / Dauer: ca. 1 ½ Stunden

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2 Kommentare zu "Stefan Zweig Spaziergang mit dem Landestheater Salzburg"

  1. wolfgang hiekmann | 2. Juni 2010 um 14:34 |

    hallo,
    viel interessanter waere es noch,wer jetzt dort wohnt bzw.wer damals dort gewohnt hatte,nachdem st.zweig dort ausgezogen ist bzw.ausziehen musste. die damaligen eigentuemer waren sicher bluehende nationalsozialisten und auch nach dem krieg wohnten bzw. wohnen dort sicher keine juden mehr.
    als ich 1982 vor dem tor stand und dort fotografieren wollte,wurde ich unsanft gebeten,nicht zu fotografieren und mir wurde deutlich gemacht,dass ich unerwuenscht bin.warum haben die eigentuemer angst vor kameras? ich waere dankbar,wenn man die hintergruende des ver-bzw.kaufes dieses schoenen hauses erfahren koennte.
    w.hiekmann

  2. BOberender | 4. Juni 2010 um 21:16 |

    Die Familie Gollhofer hat 1934 ganz rechtmäßig das Haus von Stefan Zweig gekauft und ist auch heute noch der Besitzer. Hier antisemitische Hintergründe zu vermuten ist in diesem Falle falsch und wäre ungerecht. Und dass man ein so begehrtes Haus bei den vielen Anfragen nicht für die Öffentlichkeit zugänglich macht, verstehe ich sehr gut. Es ist eben in Privatbesitz. Wir sind schon sehr dankbar, dass unser Schauspieler des Stefan Zweig aus dem Garten auftreten durfte. Keine Selbstverständlichkeit. Genauere Hintergründe des Hausverkaufs erfahren Sie sicher beim Stefan Zweig Centre.
    Bettina Oberender, Dramaturgin

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