„Phädra“ Jean Racines große Tragödie bei den Salzburger Festspielen

Phädra (Sunnyi Melles) © Tanja Dorendorf

Phädra (Sunnyi Melles) © Tanja Dorendorf

Elisabeth Pichler. Bei „Phädra“ handelt es sich um eine Episode aus dem griechischen Theseusmythos, der erstmals 428 v. Chr. von Euripides dramatisiert wurde. Diese Tragödie voll archaischer Gewalt und mythischer Kraft scheint ihre Faszination nicht zu verlieren, wurde sie doch immer wieder neu bearbeitet, von Seneca, von Racine und zuletzt von der jungen Engländerin Sarah Kane. Phädra, deren Gatte Theseus ständig auf Heldenfahrten unterwegs ist, ist seit sechs Jahren in rasender Liebe zu ihrem Stiefsohn Hippolytos entbrannt. Sie ist am Ende ihrer Kräfte und sehnt sich nur noch nach dem Tod. Als das Gerücht umgeht, ihr Gatte sei ums Leben gekommen, keimt Hoffnung in ihr auf. Sie wagt es, Hippolytos ihre Liebe zu gestehen, doch der reagiert völlig verstört, liebt er doch Arikia, eine Gefangene seines Vaters. Als der totgeglaubte Theseus wieder erscheint, eskaliert die Situation. Die intrigante Oenone, Phädras Amme und Vertraute, rät zu einer bösen Lüge, die schließlich alle vernichtet, körperlich und seelisch.

Hippolytos (Philipp Hauß), Theseus (Paulus Manker) © Tanja Dorendorf

Phädra (Sunnyi Melles), Hippolytos (Philipp Hauß) © Tanja Dorendorf

Matthias Hartmann verwendet statt der bekannten Nachdichtung von Friedrich Schiller die moderne Übersetzung von Simon Werle. Das Stück verliert somit etwas vom großen Pathos und wirkt unmittelbarer. Die Bühne besteht aus einer einfachen Wand, eine Seite tiefschwarz, die andere strahlendweiß. Diese Tafel wird oft gedreht, teils mit großem Schwung, dann wieder ganz langsam, doch stets begleitet vom Geräusch der Meeresbrandung, ein Hinweis auf die ständige Anwesenheit Neptuns, der schließlich von Theseus als großer Rächer angerufen wird. Die Kostüme sind ebenfalls in Schwarz-Weiß gehalten, Phädra leidet  im schwarzen, seidenen Morgenmantel mit weißer Perlenkette, die Herren treten im dunklen Anzug mit weißem Hemd auf. Oenone signalisiert mit ihrem roten Polo-Shirt  gefährliche Verschlagenheit und Intrige und Phädra trägt blutrote Schuhe.

Phädra (Sunnyi Melles), Theseus (Paulus Manker) © Tanja Dorendorf

Sunnyi Melles brilliert als rasende, bis zur Hysterie liebende, vom Schicksal geschlagene Frau. Ihre Todessehnsucht wirkt ebenso überzeugend wie ihre Raserei in verzweifelter Liebe. Sie fühlt sich von den Göttern verraten und erhebt schwere Vorwürfe gegen Venus, die sie in diese Situation gebracht hat. Wenn sie Hippolytos hemmungslos ihre Liebe gesteht und ihm dabei ganz schön an die Wäsche geht, wirkt das doch nie peinlich. Sie ist eine königliche Erscheinung durch und durch, ob mit Trauerschleier oder mit Zepter und Krone, selbst im Tod verliert sie nichts von ihrer enormen Ausstrahlung. Philipp Hauß, das Objekt ihrer Begierde, taumelt in jugendlicher Ratlosigkeit barfuß zwischen Phädra und seiner angebeteten Arikia hin und her und weiß nicht recht, wie ihm geschieht. Dieser arme, hilflose, benützte und betrogene Knabe erweckt Mitleid. Therese Affolter als Oenone macht mit ihrer geduckten, servilen Körperhaltung glaubhaft, dass sie ihr ganzes Leben allein Phädras Glück unterordnet. Um ihre Herrin zu schützen, spielt sie Schicksalsmacherin und ersinnt Lügen und Intrigen, die schließlich auch sie zum Scheitern verurteilen. Paulus Manker scheint die Rolle des Theseus zu genießen, allein schon sein Auftritt verbreitet Angst und Schrecken,  seine sanfte, leise Stimme lässt schaudern, sein blinder Zorn erzeugt Gänsehaut. Sylvie Rohrer ist eine zwar unschuldige, aber auch sehr selbstbewusste Prinzessin Arikia, die sich keinen Illusionen hingibt. Hans-Michael Rehberg als Theramenes, muss tatenlos mit ansehen, wie sein Schützling ins Verderben rennt.

Theramenes (Hans-Michael Rehberg), Hippolytos (Philipp Hauß) © Tanja Dorendorf

Matthias Hartmann gelingt eine moderne Interpretation der hochdramatischen „Phädra“, von Jean Racines und gibt ihr eine zeitlose, archetypische Form mit einer Frau als Verführerin, als Handelnde in einer starken Männerwelt, welche ahnt, dass sie dem Untergang geweiht ist. Durch die Kürzung auf 1 Stunde 40 Minuten entstand ein sehr kompaktes Drama über kollektive, seelische Katastrophen. Grandiose schauspielerische Einzelleistungen, ein umwerfend schlichtes Bühnenbild, ein wahrhaft beeindruckender, festspielwürdiger Abend.

Arikia (Sylvie Rohrer); Hippolytos (Philipp Hauß) © Tanja Dorendorf

„Phädra“ – Jean Racine (1639-1699) /  Deutsch von Simon Werle / Regie: Matthias Hartmann / Bühne und Kostüme: Johannes Schütz / Choreografie: Ismael Ivo / Licht: Peter Bandl / Ton: Thomas Felder / Dramaturgie: Andreas Erdmann / Mit: Paulus Manker, Sunnyi Melles, Philipp Hauß, Sylvie Rohrer, Therese Affolter, Hans-Michael Rehberg, Merle Wasmuth, Brigitte Furgler

Hippolytos (Philipp Hauß); Theseus (Paulus Manker) © Tanja Dorendorf

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