S. Rushdie: Harun und das Meer der Geschichten

Foto: Theater Ecce / Odeion

Elisabeth Pichler. Theater ECCE. Die Geschichte hat Salman Rushdie 1990 im Exil verfasst und seinem Sohn gewidmet, von dem er sich auf der Flucht trennen musste. Der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini hatte ihn aufgrund des Vorgängerwerkes „Die satanischen Verse“ der Blasphemie bezichtigt und über ihn mittels einer Fatwa am 14.Feburar 1989 das Todesurteil verhängt. In diesem modernen Märchen reflektiert der Autor seine Lage als Flüchtling. Fernab seines bisherigen Lebens und seiner bisherigen Inspirationsquelle fühlte er sich lange, als wäre sein eigenes Erzählwasser versiegt.

„Es war einmal im Lande Alifbay eine traurige Stadt, die traurigste von allen Städten, so todtraurig, dass sie sogar ihren Namen vergessen hatte. Sie stand an einem freudlosen Meer voller Wehmutfischen, die so elend schmecken, dass die Menschen nach ihrem Genuss vor lauter Trübsinn Magenschmerzen bekamen, auch wenn der Himmel strahlend blau war.
Im Norden der Traurigen Stadt standen mächtige Fabriken, in denen die Traurigkeit (wie man mir sagte) produziert, verpackt und in alle Welt verschickt wurde, wo man niemals genug davon zu bekommen schien. Aus den Schornsteinen dieser mächtigen Fabriken quoll dicker schwarzer Rauch und lastete schwer wie eine Trauerbotschaft auf der Stadt.“

In dieser traurigen Stadt lebt Harun, der Sohn des berühmten Geschichtenerzählers Raschid Khalifa.  Mit seinen fantastischen Geschichten gelingt es diesem Schah von Bla, selbst die traurigsten Menschen für kurze Zeit glücklich zu machen. Er ist viel unterwegs und so passiert es, dass sich seine Frau Soraya vernachlässigt fühlt und eines Tages mit ihrem total phantasielosen Nachbarn durchbrennt. „Wozu sind Geschichten gut, die nicht einmal wahr sind?“ Dieser Vorwurf seines Sohnes lässt die Quelle seiner Fantasie endgültig versiegen. Um seinem Vater das Erzähltalent zurückzubringen, begibt sich Harun auf eine abenteuerliche Reise zum Meer der Geschichten. Seine Begleiter sind der Busfahrer Aber, der eigentlich ein Wiedehopf ist, und der Wasser-Dschinn, ein Fabelwesen aus der arabischen Mythologie.

Es ist ein großartiges, geistreiches, aber auch aberwitziges Märchen, das Reinhard Tritscher mit seinen rund 30 Schauspielern auf die Bühne bringt. Die Profi-Schauspieler erzählen gemeinsam mit den „Blauen Hunden“ von der Lebenshilfe Salzburg und den Mitgliedern der LAUBE-Theaterwerkstatt eine fantastische Geschichte, deren Bilder noch lange im Gedächtnis bleiben. Ruhige, poetische Momente wechseln ab mit wilden, ungestümen Tanzszenen, stets unterstützt und begleitet von den grandiosen Live-Musikern (Rupert Bopp, Gernot Hauslauer und Robert Kainar), deren ausgefallene Instrumente und schräge Töne immer wieder begeistern. Christine Winter als liebenswerter, mutiger Harun begeistert mit ihren akrobatischen Einlagen. Jurij Diez überzeugt als quirliger Wasser-Dschinn, Jurek Milewski sorgt als mechanischer Wiedehopf für Heiterkeit. Aus nur wenigen Requisiten (Leiter,  Besen und  Einrad) entsteht ein Flugobjekt, das uns in eine grenzenlose Fantasiewelt mitnimmt. Die Schauspieler sind im Dauereinsatz, sie verwandeln sich mit Hilfe der verrücktesten Kostüme nicht nur in einen wunderschönen, radschlagenden Pfau und eine Schildkröte, sie sind auch als Buchsoldaten und als verschmutztes Meer im Einsatz. Die mit großer Begeisterung vorgetragenen Tanzeinlagen (Choreografie: Wolf Junger) erinnern an   Bollywood-Filme. Hilde Böhm und Christoph Reichel zeichnen für die fantasievollen Kostüme (über 100 verschiedene!) verantwortlich.

„Harun und das Meer der Geschichten“ ist ein Märchen, das Mythos und Fantasie mit dem realen Leben vermischt, eine ideenreiche, kluge, lustige Geschichte voller Abenteuer, die zum Widerstand gegen diktatorische Regime aufruft. Reinhard Tritscher hat Salman Rushdies Erzählteppich in traumhaft schöne Bilder und mitreißende Tanzszenen umgesetzt. Für alle, die das Träumen noch nicht verlernt haben, ein Hochgenuss.

Harun und das Meer der Geschichten“ – Salman Rushdie, deutschsprachige Erstaufführung der Theaterfassung von Tim Supple & David Tushingham / Inszenierung und Gesamtleitung: Reinhold Tritscher / Choreografie: Wolf Junger / Regieassistenz/Produktionsleitung: Marie Hoppe / Akrobatiktraining: Ulf Kirschhofer / Kostüme: Hilde Böhm / Nora Frankhauser / Bühne: Alois Ellmauer / Mit: Dunja Bernatzky, Manfred Bosch, Daniel Bucher, Alexander Dick, Jurij Diez, Gerard Es, Gerhard Fagerer, Michi Feuerer, Wolfgang Gleich, Klaus Graninger, Waltraud Grasfurtner, Sabrina Hacker, Florian Heis, Philipp Kieninger, Jurek Milewski, Christian Mösl, Raphaela Oberreiter, Gerhard Odörfer, Anna Paumgartner, Stefan Pichler, Hermine Rohrmoser, Natalia Sarajlic, Ursula Six, Philipp Stix, Stefan Wartbichler, Christine Winter, Helga Witzmann, Musik: Rupert Bopp, Gernot Haslinger, Robert Kainar / Fotos: Theater Odeion – Andreas Hauch


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1 Kommentar zu "S. Rushdie: Harun und das Meer der Geschichten"

  1. Das Stück war einfach großartig. Lustige und nachdenkliche Geschichte und supernette Darsteller. Unsere Sabrina fühlte sich in ihrer Tanzrolle sehr wohl. Hoffentlich gibt es bald eine Fortsetzung. Danke, daß es hier die Integration von Menschen mit besonderen Bedürfnissen in einer professionellen Schauspielergruppe gibt. Nur so weiter und größte Hochachtung.
    Familie Hacker aus Salzburg

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