„Russische Nationalpost“ – Briefe gegen die Einsamkeit

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Die deutschsprachige Erstaufführung des tragikomischen Theaterstücks des russischen Autors Oleg Bogajev fand im Rahmen des VOLXSOMMER Theaterfestivals 2021 im Nexus Saalfelden und im Theater Lofer statt. Nun steht die berührende Komödie im Kleinen Theater am Programm. Ein unterhaltsamer Abend zum Schmunzeln und Mitträumen.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Iwan Sidorowitsch lässt in seinem armseligen Stübchen, in dem die Heizung nicht richtig funktioniert, keine Langeweile aufkommen. Er ist ständig beschäftigt, muss er doch die vielen Briefe, die er täglich erhält, beantworten. Bald wird allerdings klar, dass er sich all diese Briefe selbst schreibt, beantwortet und dann in seiner Wohnung versteckt. Besonders genießt er den Schriftwechsel mit seinen alten Schulkameraden Mischka, Grischka und Fjodor, erkundigt sich nach ihrem Werdegang und spekuliert über ihr privates Glück. Er selbst jammert nicht und behauptet stets: „Jetzt geht es mir gut. Ich warte ungeduldig auf eure nächsten heiteren Briefe.“

Nachdem sein winziger Fernseher und auch das Radio nicht mehr richtig funktionieren, sorgt er mit seiner Ziehharmonika für gute Stimmung. Sein Lieblingslied „Kalinka“ schmettert er mit so viel Inbrunst, dass sich sein Nachbar gestört fühlt und zu klopfen beginnt. Es gibt aber auch Bewunderer seiner musikalischen Darbietung. So erhält er einen Brief des Intendanten des staatlichen Fernsehens, der ihn einlädt, vor einem „Millionenpublikum“ zu spielen. Iwan beginnt sofort mit den Proben, muss aber feststellen, dass er dafür einfach zu schüchtern ist und Angst vor falschen Akkorden hat.

Wie armselig Iwans Leben wirklich ist, erfährt man aus einem Brief an das Sozialamt, in dem er um eine Erhöhung seiner Pension ersucht. Sein Geld reicht meist nur für eine Woche, dann muss er auf seine heißgeliebten „Frikidellen“ verzichten, dann gibt es nur noch Packerlsuppe und Zwieback. Wirklich überrascht ist Iwan allerdings, als er einen Brief von Königin Elizabeth II. erhält. Was die wohl von ihm will?

Jurek Milewski ist Vollblutsportler, ein hervorragender Kickbiker und wurde 2018 sogar Weltmeister. An diesem Abend gibt er aber überaus authentisch einen gebrechlichen, zittrigen Alten, dessen Einfallsreichtum und kindliche Naivität berühren. Seine Brieffreunde werden immer skurriler, und als er sie alle zu Silvester, an seinem 75. Geburtstag, zu sich einlädt, erinnert die Party stark an „Dinner for One“.

Jureks Monolog wird durch schräge Videos von Remo Rauscher aufgelockert. Hier streiten sich nicht nur Elizabeth II. und Lenin um Iwans Erbschaft. Man würde es nicht für möglich halten, wer da noch aller Interesse zeigt. Alois Ellmauer hat Iwans trostloses Kämmerchen mit viel Liebe zum Detail ausgestattet.

Gerard Es hat diese herzerwärmende Komödie sehr gefühlvoll in Szene gesetzt. Ein überaus angenehmer Theaterabend der leisen Töne, der bestens unterhält und die Phantasie beflügelt. Weitere Vorstellungen: 6., 7. und 24. November 2021 im Kleinen Theater.

„Russische Nationalpost“ von  Oleg Bogajev. Kleines Theater | Regie: Gerard Es. Musik: Marek Suchan. Choreografie: Beata Milewska. Bühne: Alois Ellmauer. Video: Remo Rauscher. Mit: Jurek Milewski. Fotos: Sigrid Riepl

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Über den Autor

Elisabeth Pichler
“Theater war schon immer meine große Leidenschaft und scheinbar ist es mir auch gelungen, diese Begeisterung an meine Kinder weiterzugeben.” Elisabeth Pichler besucht für die Dorfzeitung Theateraufführungen und Konzerte und liest neue Bücher.

1 Kommentar zu "„Russische Nationalpost“ – Briefe gegen die Einsamkeit"

  1. Habe ich schon gesehen! Es war ein sehr unterhaltsamer Abend im Kleinen Theater in Schallmooss.

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