„Schlafstörungen“ – ein inklusives Theaterstück

Die munteren, ziemlich schrägen Bewohner der Himmelreichgasse 13b haben 2016 in der Produktion „Hafen der gestrandeten Sehnsüchte“ ordentlich abgefeiert. Nun sehnen sie sich nach etwas Erholung und freuen sich auf eine ungestörte Nacht. Ob das möglich sein wird?

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Im großen Saal der ARGEkultur hat Alois Ellmauer ein imposantes, nach vorne offenes Haus errichtet, in dem Karten spielende Herren, eine verschreckte Sängerin und der Hausmeister samt seinem quirligen Papagei wie in einer Auslage sitzen. Die restlichen Bewohner versuchen, es sich auf einfachen Matten bequem zu machen. Auf dem Dachboden wartet ein Selbstmörder, der mit „nix und niemandem klar kommt“, mit geladener Pistole auf den richtigen Zeitpunkt. Der ständige Wirbel im Untergeschoss und auf der Straße lässt ihn kalt.

Für Aufregung sorgt hier der dreijährige Niklas, der seinem Vater entwischt ist, erst bei der introvertierten Sängerin Unterschlupf findet und schließlich sogar über eine Stiege auf den Dachboden krabbelt. Für Unruhe sorgt auch ein Herr, der verzweifelt Wohnung Nr. 20 sucht, die er über Airbnb gebucht hat. Eine Mieterin erbarmt sich seiner und nimmt ihn bei sich auf. Als jedoch ihr liebestoller Nachbar auftaucht, muss er sein Nachtlager wieder, wie vom grantigen Hausmeister vorgeschlagen, unter der Treppe aufschlagen. Eine riesige, vierflammige Straßenlaterne sorgt mit ständigem Geflackere für weiteren Ärger. In luftiger Höhe, völlig unbemerkt von den Bewohnern, räkelt sich schlangengleich eine Akrobatin (kraftvoll Pamina Milewska).

Eine ältere Dame, die an Demenz leidet und ständig herumirrt, weil sie vergessen hat, ihre Tabletten zu nehmen, ein sangesfreudiger Spätheimkehrer sowie der verzweifelte Vater auf der Suche nach seinem ausgebüxten Sohn sorgen für weiteren Wirbel. Nur wenn der verliebte junge Mann seine Angebetete, die schüchterne Sängerin (Cassandra Rühmling), auf dem Klavier begleitet, kommen die Bewohner der Himmelreichgasse 13b für kurze Zeit zur Ruhe.

Jede der über 20 mitwirkenden Personen ob nun professioneller Schauspieler, Amateur oder Mitglied der LAUBE VOLXtheaterwerkstatt, hat ihren großen Auftritt in einer der skurrilen, in Improvisation entwickelten Geschichten, die Regisseur Reinhold Tritscher liebevoll zu einem kunterbunten Reigen an Absurditäten verknüpft hat. Das Ergebnis ist ein komödiantischer, doch auch zutiefst berührender Theaterabend, bei dem die schier grenzenlose Begeisterung der Mitwirkenden ansteckend wirkt.

Nähere Informationen zu inklusiver Kunst und Kultur findet man unter www.inklusivekultur.at

ngg_shortcode_0_placeholder

„Schlafstörungen“ – Eine Koproduktion von Theater ecce und Laube sozialpsychiatrische Aktivitäten GmbH. Inszenierung: Reinhold Tritscher. Bühne: Alois Ellmauer. Ensemble: Salim Chreiki, Judith Bachinger, Kunigunde Eschbacher, Gerhard Fagerer, Florian Friedrich, Reinhold Gerl, Brigitte Goditsch-Roidmayr, Waltraud Grasfurter, Florian Heis, Wolfgang Kandler, Philipp Kieninger, Josef Kocher, Julijan Kovacevic, Lisa Kuhn, Pamina Milewska, Jurek Milewski, Vinko Najdek, Stefan Pichler, Cassandra Rühmling, Natalia Sarajlic, Andreas Schober u.a. Fotos: Andreas Hauch




„Betrogene Betrüger“ – Komödienspiele aus dem Mittelalter

Im Rahmen des Theaterfestivals VolXommer Saalfelden Leogang wurden fünf von Peter Blaikner bearbeitete französische Farcen anonymer Autoren aus dem 15. Jahrhundert, uraufgeführt. Eine Aufführungsserie im Heckentheater im Mirabellgarten bietet dem Salzburger Publikum bis 3. September nun die Möglichkeit, „vor Lachen in die Knie zu gehen“.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Regisseur Reinhold Tritscher begrüßt als Prinzipal einer fahrenden Truppe das Publikum und verspricht trotz der „bescheidenen Eintrittspreise“ einen hinreißend komödiantischen Abend. Das Gejammere der Schauspieler um die ausstehenden Gagen scheint er schon gewohnt zu sein, das bringt ihn nicht mehr aus der Ruhe. Der Vorhang der kleinen Bühne hebt sich und ein gequälter Ehemann (bedauernswert Jurij Diez), der die Ehe als eine lebenslange Folter sieht, betritt die Bühne, dicht gefolgt von seiner gestrengen Schwiegermutter (grandios bösartig Gerard Es), die ihn mit vorgehaltenem Nudelwalker dazu zwingt, all seine Pflichten genauestens zu notieren.

Kochen, Kehren, Waschen, Bügeln und natürlich seine liebe Frau täglich „Beglücken“, das alles gehört ihrer Ansicht nach zu den Pflichten eines guten Ehemannes. An alles hat die Alte dann aber doch nicht gedacht und so muss sie einige Zeit in einem Waschtrog schmachten. In der nächsten Szene erwacht Jurij Diez als weinseliger Musikant, der all sein Geld verspielt, vertrunken und mit Frauen durchgebracht hat, in der Hölle. Der vielbeschäftigte Luzifer höchstpersönlich heißt ihn willkommen (teuflisch Bina Blumencron) und zeigt ihm genussvoll die zu erwartenden Qualen. Der listige Petrus nutzt die Spielleidenschaft des Musikanten und bald sieht sich der Teufel um etliche Seelen betrogen.

Peter Blaikner hat fünf kleine Theaterszenen, historische Farcen, wie sie früher auf Festen und Jahrmärkten zur Belustigung des Publikums aufgeführt wurden, neu übersetzt und mit viel Witz und Humor bearbeitet. Betrogene Betrüger sind eben auch heute noch ein Garant für Schadenfreude und heiteres Amüsement. Die zweidimensionalen Kostüme, die an papierene Anziehpuppen aus früherer Zeit erinnern, tragen zum ganz speziellen Charme dieses Theaterabends bei (Kostüme: Norbert Gruber). Am 27. August 2017 wurde die entzückende kleine Bühne (Alois Ellmauer) wegen angekündigter Regenschauer in der Wolf-Dietrich-Halle im Schloss Mirabell aufgebaut. Als Entschädigung gab es weiche Stühle und dank der extremen Nähe zu der groß aufspielenden Truppe eine besonders intime Atmosphäre.

„Betrogene Betrüger“ – Komödienspiele von Peter Blaikner. Inszenierung: Reinhold Tritscher. Bühne: Alois Ellmauer. Kostüme: Norbert Gruber. Produktionsassistenz: Benjamin Blaikner. Mit: Bina Blumencron, Jurij Diez, Gerard Es, Reinhold Tritscher.

 

 

 




„Kalif Storch“ – „ Prächtig, prächtig, prächtig!“

Die „theaterachse“ gastierte im neuen OFF Theater mit Wilhelm Hauffs orientalischem Märchen und servierte es als schwungvolles Musical. Die Kinder erfahren dabei natürlich auch, welche Funktionen ein Kalif und ein Großwesir in Bagdad innehatten. Nicht nur an einem verregneten Sommertag, wie am 6. August 2017, ein Vergnügen für Groß und Klein.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Vor Beginn der Vorstellung wird die Bühne von den Kindern genauestens inspiziert. Einige wollen wissen, warum da so viele Mausefallen herumliegen. Zwei Kinder stöbern auf diesem Dachboden herum und tappen dabei ständig in die Fallen. Sie entdecken eine große, alte Truhe voll mit Turbanen, bunten, exotischen Kleidern und Schmuck. Sobald sie sich verkleiden, verwandeln sie sich in die Figuren des Märchens „Kalif Storch“. Der Bub wird zum fülligen Kalifen, der alles „prächtig, prächtig, prächtig!“ findet, und das Mädchen zu seinem Großwesir. Von einer Marktfrau erhalten sie ein geheimnisvolles Kästchen mit schwarzem Pulver. Nur Selim der Gelehrte kann den beiliegenden Zettel entziffern. Er enthält die Anleitung, wie man sich mit Hilfe des Pulvers und des Zauberwortes MUTABOR in ein Tier verwandeln kann. Das wird gleich ausprobiert und so stehen der Kalif und sein Großwesir bald als Störche auf der Bühne. Als sie verbotenerweise über die anderen Tiere, deren Sprache sie jetzt verstehen können, herzhaft lachen müssen, vergessen sie das Zauberwort und können sich nicht mehr zurückverwandeln. Nur gut, dass sie auf eine Nachteule treffen, die ihnen ihre Hilfe anbietet. Als Gegenleistung fordert sie allerdings einen Heiratsantrag.

Wolfgang Kandler und Larissa Enzi machen sich als neugierige, abenteuerlustige Kinder über die geheimnisvolle Truhe ihrer Ur-Ur-Ur-Großmutter her. Die Verwandlung der beiden in den beleibten Kalifen von Bagdad und dessen Großwesir begeistert die Kinder im Publikum. Weitere Tücher und Umhänge machen aus Larissa Enzi bald darauf eine geschwätzige Marktfrau, die mit einem munteren Liedchen ihre Waren anpreist. Hinter einem Glitzervorhang gehen diese Umwandlungen in Windeseile vor sich. Für Heiterkeit sorgen die beiden, wenn sie als Störche feststellen müssen, dass Fliegen gelernt sein will und einiges an Übung erfordert. Die witzigen, frechen Texte der vielen Gesangseinlagen amüsieren auch die Erwachsenen.

ngg_shortcode_1_placeholder

Die theaterachse hat mit dieser Produktion wiederum bewiesen, dass es möglich ist, Kinder und Erwachsene mit einem klug und liebevoll gestalteten Märchen gleichermaßen zu unterhalten. Ein Tipp für alle Eltern und Großeltern: Das Stück wird im November und Dezember im Kleinen Theater in Schallmoos zu sehen sein. Empfehlenswert ist der Erwerb der Hörspiel-CD zum Theaterstück, so können die Kinder das zauberhafte Märchen zu Hause in aller Ruhe nochmals genießen.

„Kalif Storch“ – nach Wilhelm Hauff. Regie: Mathias Schuh & Claudia Schächl. Ausstattung: Rafaela Wenzel. Mit Larissa Enzi & Wolfgang Kandler. Ab 4 Jahren. Spieldauer ca. 50 Minuten. Fotos: theaterachse/ Chris Rogl




„Sommerfrische #3“ – stürmisches Finale

Bei den Schlossbergspielen Mattsee geht es auch heuer wieder turbulent zu. Bereits den dritten Sommer liegen sich die energische Wirtin Traudi und ihr Gatte Karli in den Haaren. Helmut Vitzthum, Regisseur und Autor des deftigen Schwankes, lässt den Streit zum Gaudium des Publikums heuer eskalieren. Tropische Temperaturen heizten bei der Premiere am 3. August 2017 die gute Stimmung zusätzlich auf.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Karli werkelt ständig gemeinsam mit Hamid Dschihad in seinem Gemüsegarten. Die resolute Traudi ist sauer, da sich ihr Ehemann lieber um die Gäste kümmern sollte, und Hamids Frau fühlt sich ebenfalls alleingelassen. Am schlimmsten aber hat es den Bürgermeister erwischt. Dessen Frau hat sich neuerdings dem Tierschutz verschrieben, ist zur Veganerin geworden und legt sich mit allen an, den Bauern, dem Metzger, ja selbst den Fischern. Karli hat genug von den ewigen Streitigkeiten, will sich scheiden lassen und zieht kurzentschlossen aus. Hamid schließt sich ihm an und so gründen die beiden eine Männer-WG. Der Bürgermeister würde am liebsten auch bei ihnen einziehen, doch kann er sich das in seiner Position nicht leisten. Schnell jedoch verfliegt bei den Männern die anfängliche Euphorie über die neu gewonnene Freiheit, sie beginnen sich nach einem warmen, guten Essen zu sehnen. Eine mögliche Versöhnung wird ins Auge gefasst. Doch wer wird den ersten Schritt machen?

Schlossberghspiele Mattsee 2017 Sommerfrische #3

Karli Frasinger (Michael Rank) fühlt sich wohl in seiner schmutzigen Stallkleidung und denkt nicht daran, das von seiner Frau (Andrea Ausweger) gewünschte Polohemd überzuziehen. Probleme bereitet den beiden auch das pubertierende Töchterchen Eva (Hannah Strasser). Hamid Dschihad (Ingo Krank) nervt den Bürgermeister (Helmut Vitzthum) ständig mit Fragen nach seinem Asylbescheid. Doch der hat andere Sorgen, denn seine Frau (Marianne Lesch) hat sich mit den unzufriedenen Ehefrauen des Dorfes sowie der eingefleischten Junggesellin Gerti (Sabine Füssl) verbündet und einen Frauenstammtisch gegründet. Die neue bulgarische Haushälterin Ilona (Petra Kreiseder) versorgt den Pfarrer (Siegfried Rizzoll) bestens. Sie weiß, wie man Männer bei Laune hält. Beda (Sigi Distl) und Fatima (Waltraud Gregor), deren Liebe noch jung und frisch ist, schweben im siebten Himmel. Erfrischend die Streitereien zwischen dem extrem intelligenten kleinen Johannes (Kian Panuschka), der mit seiner Besserwisserei seine Schwester Sabine (Elisa Krank) nervt.

Autor Helmut Vitzthum (Freie Bühne Salzburg) spielt zur Freude des Publikums mit gängigen Klischees, lässt die Männer ihren Frust in Bier ertränken und die Damen genüsslich Prosecco schlürfen. Mit Herbert Grönemeyers „Männer“ sowie passenden Eigenkompositionen sorgt das Duo SUNNY (Andrea Graf und Manfred Wambacher) für die musikalische Untermalung. Die luftig-leichte Sommerkomödie, der „krönende Abschluss“ der Sommerfrische-Trilogie, ist noch bis 24. August in der stimmungsvollen Naturkulisse auf dem Schlossberg in Mattsee zu genießen.

ngg_shortcode_2_placeholder

„Sommerfrische#3“ – Schlossbergspiele Mattsee 2017 – Text und Regie: Helmut Vitzthum. Musik: SUNNY (Andrea Graf und Manfred Wambacher). Mit: Michael Rank, Andrea Ausweger, Hannah Strasser, Ingo Krank, Doris Lindner, Waltraud Gregor, Helmut Vitzthum, Marianne Lesch, Sigi Distl, Sabine Füssl, Elisa Krank, Kian Panuschka, Siegfried Rizzoll, Petra Kreiseder. Fotos: KTraintinger, Dorfzeitung

Sommerfrische in Mattsee
„Sommerfrische #2“ – Refugees Welcome!
Auf „Sommerfrische“ am Wartstein | „Sommerfrische #1“




„Der Vorname“ – eine frische, sommerliche Gesellschaftskomödie

Das Salzburger Straßentheater unterhält heuer mit dem bitterbösen Konversationsstück des französischen Autorenduos Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patelliére das Publikum in Stadt und Land Salzburg. Am 28. Juli 2017 sorgte die groß aufspielende Komödiantentruppe in Hallwang für beste Stimmung.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Nicht nur um einen der begehrten Sitzplätze zu ergattern, sondern auch um die Truppe beim Aufbau der doch recht aufwendigen Bühne zu beobachten, sollte man nach Möglichkeit eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung eintreffen. Dann kann man miterleben, wie aus einem relativ schlichten Gefährt mit ein paar Handgriffen ein französisches Landhaus mit Dachterrasse und einer mit Lichterketten geschmückten Gartenlaube wird. Für das passende Flair sorgt währenddessen Eric Lebeau mit französischen Chansons.

Hier also soll eine kleine Gartenparty im Familienkreis stattfinden. Elisabeth, die Gastgeberin, werkelt fleißig in der Küche am marokkanischen Buffet. Ihr Gatte Pierre, Professor für französische Literatur, ist dabei eher hinderlich als Hilfe. Claude, der Posaunist, den man schon aus Kindertagen kennt, erscheint im Frack, kommt er doch direkt von einem Konzert. Elisabeths Bruder Vincent prahlt mit seinem neuen SUV ebenso wie mit dem Ultraschallbild seines zu erwartenden Sohnes.

Die Enthüllung des geplanten Vornamens lässt die bisher friedliche Stimmung allerdings kippen, denn Vincent behauptet provokant: „Adolph“, nach einem großen Helden der romantischen Literatur. Ob nun Adolph oder Adolf, die Runde ist fassungslos, der Name löst grenzenlose Entrüstung aus. Wie kann man sein Kind nur nach einem der größten Verbrecher der Geschichte nennen? Man wirft sich gegenseitig Beleidigungen an den Kopf, bis die Situation gänzlich eskaliert. Kaum zu glauben, dass gerade der zurückhaltende Claude mit der Bekanntgabe eines wohlbehüteten Geheimnisses die Streithähne endlich zum Schweigen bringt.

Regisseur Georg Clementi nimmt als Spielleiter das Publikum mit auf eine Reise in menschliche Abgründe und schlüpft gleichzeitig in die Rolle des arroganten, überheblichen Pierres, der durch einen dummen Scherz den verbalen Schlagabtausch auslöst. Ob das seine zickige Freundin Anna (Susanne Seimel) auf Dauer aushalten wird? Detlef Trippel gibt den knausrigen, besserwisserischen Literaturprofessor, dem seine Gattin (Anja Clementi) in einer großartigen Szene ordentlich die Leviten liest. Alex Linse darf lange durch Zurückhaltung glänzen. So rechnet keiner damit, dass er nach einer untergriffigen Beleidigung ordentlich zurückschlägt.

Die typisch französische Gesellschaftskomödie (Nein, sie ist nicht von Yasmina Reza, wie man vermuten könnte!) besticht durch witzige Dialoge und hohes Tempo. Immer wieder vergnüglich zuzusehen, wenn auf der Bühne schmutzige Wäsche gewaschen wird und Dinge gesagt werden, die man sich vielleicht zwar denkt, doch nicht auszusprechen wagt.

ngg_shortcode_3_placeholder

„Der Vorname“ – Eine Gesellschaftskomödie von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patelliére. Fassung für das Salzburger Straßentheater von Georg Clementi. Inszenierung: Georg Clementi. Ausstattung: Andreas Lungenschmid. Musik: Eric Lebeau. Schauspieler: Anja Clementi, Detlef Trippel, Susanne Seimel, Georg Clementi, Alex Linse und Eric Lebeau. Fotos: Karl Traintinger, dorfbild.com

Info:
Straßentheater 2016 | Bezahlt wird nicht
Dorfgredat | Visionäres Kulturprojekt in Lamprechtshausen realisiert




„Der Sturm“ – ein hintergründiges Märchenspiel

William Shakespeares Spätwerk ist derzeit in der Fassung der Theaterachse als Sommertheater unterwegs. Nach der Premiere im OFF Theater geht es weiter auf die Festung Hohenwerfen und Schloss Goldegg sowie zu den Theatertagen auf der Mildenburg, dem „Freilichttheater im schönsten Burghof Frankens“.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Vor zwölf Jahren ist Prospero, der zauberkundige Herzog Mailands, von seiner Schwester gestürzt und mit seiner kleinen Tochter Miranda in einem desolaten Kahn auf dem Meer ausgesetzt worden. Gestrandet auf einer einsamen Insel wartet er seitdem auf die Gelegenheit, sich an seinen Feinden zu rächen. Als die königliche Flotte von Tunis kommend an seiner Insel vorbeisegelt, beschwört er mit Hilfe des Luftgeists Ariel einen gewaltigen Sturm herauf. Die schiffbrüchigen Reisenden irren nun, von Prospero und seinen magischen Fähigkeiten getrieben, in Gruppen über die Insel. Caliban, ein unförmiges Monster und Prosperos Knecht, verbündet sich mit zwei gestrandeten Trunkenbolden, um seinen Herrn zu entmachten. Auch bei der königlichen Truppe herrscht Zwietracht, man plant einen Mordanschlag auf den König von Neapel. Prinz Ferdinand hingegen trifft auf Miranda, die sich sofort in ihn verliebt, hat sie doch bisher, außer ihrem Vater und Caliban, noch kein männliches Wesen gesehen. Prospero zeigt sich darüber zwar hoch erfreut, doch muss sich der Prinz dieser Liebe würdig erweisen, indem er niedrigste Dienste verrichtet. Sollten auch die übrigen Rachepläne des Magiers in Erfüllung gehen, verspricht er, Ariel und Caliban die Freiheit zu schenken und nach Mailand zurückzukehren.

Da Regisseur Mathias Schuh für Shakespeares komplexes Stück nur fünf Schauspieler, drei Damen und zwei Herren, zur Verfügung stehen, wird in dieser Inszenierung aus dem betrügerischen Bruder Antonio die ehrgeizige Schwester Antonia (Bina Blumencron) und aus dem trinkfreudigen Trinculo eine Trinkola (Larissa Enzi). Peter Malzer darf im goldenen Anzug als mächtiger Magier den Zauberstab schwingen, während Victoria Morawetz als sein übermütiges, gutgelauntes und stets kicherndes Helferlein Ariel sehnsüchtig auf die versprochene Freiheit wartet. Bina Blumencorn steckt als abscheuliches Zwitterwesen Caliban in einem Drachenkostüm und wettert und flucht auf ihren Meister, bevor sie als Prosperos bösartige Schwester Mordpläne wälzt. Larissa Enzi zeigt sich als naive Miranda im Liebestaumel, gibt sich aber als Trinkola weit weniger würdevoll. Ebenso Wolfgang Kandler, der vom Traumprinzen im Glitzeranzug zum dümmlichen Trunkenbold mutiert.

Eine schlichte Bank und ein großzügiger Paravent, hinter dem sich Prosperos „Zelle“ verbirgt, der aber gleichzeitig als Umkleidekabine für die wundersamen Verwandlungen der Schauspieler dient, reichen als Mobiliar auf dieser einsamen, kargen Insel völlig aus (Ausstattung: Rafaela Wenzel). Das engagierte Ensemble der Theaterachse bringt Shakespeares „Sturm“ als turbulente, amüsante, märchenhafte Romanze mit viel Zauberei und Musik auf die Bühne. Ob nun in geschlossenen Räumen oder im Freien gespielt wird, diese Inszenierung garantiert jede Menge Spaß.

„Der Sturm“ von William Shakespeare. Regie: Mathias Schuh. Ausstattung: Rafaela Wenzel. Mit: Bina Blumencron, Victoria Morawetz, Larissa Enzi, Wolfgang Kandler und Peter Malzer. Foto: Chris Rogl/ Theaterachse




Der Besuch der alten Dame – Seebühne Seeham

Gerard Es hat Friedrich Dürrenmatts tragische Komödie, die deutlich zeigt, dass man für Geld fast alles kaufen kann, speziell für die Seebühne in Seeham bearbeitet. Das turbulente, groteske Stück begeisterte am 5. Juli 2017, einem traumhaft milden Sommerabend, die Besucher der Generalprobe.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Der einst blühende Fremdenverkehrsort Güllen am See befindet sich in einer tiefen wirtschaftlichen Krise. Große Hoffnung setzt die Bevölkerung daher auf den bevorstehenden Besuch der Milliardärin Claire Zachanassian, die ihre Jugend als Klara Wäscher in dem malerischen Städtchen verbracht hat und nun für ihre Wohltätigkeit bekannt ist. Die Bürger werden nicht enttäuscht. Claire stellt ihnen eine Milliarde in Aussicht, die Hälfte für das Dorf, die andere Hälfte soll unter seinen Bewohnern aufgeteilt werden.

Die Schenkung ist jedoch an eine Bedingung geknüpft: Claire verlangt Gerechtigkeit und zwar den Kopf ihres ehemaligen Liebhabers Alfred Ill, der sich einst durch bestochene Zeugen um die Vaterschaft gedrückt hat, um die Tochter des reichen Wirts heiraten zu können. Der Bürgermeister schlägt zwar sichtlich empört das verlockende Angebot aus, doch in den Bürgern erwacht die Gier und sie beginnen, das versprochene Geld auszugeben, denn die Bank gewährt ihnen plötzlich großzügig Kredite. Kein Wunder, dass es Alfred Ill allmählich mit der Angst zu tun bekommt. Er wendet sich hilfesuchend an den Pfarrer und an die Polizei. Die können ihm aber auch nur raten, die Stadt möglichst schnell zu verlassen. Wird das der einzige Ausweg sein?

Das Seehamer BühnenbauTEAM hat ganze Arbeit geleistet und einen idyllischen, wenn auch etwas heruntergekommenen Dorfplatz mit Strandcafé, Friseursalon, Blumenladen, Bank, Gasthaus zum Goldenen Apostel, Polizeistation und Kapelle auf die Seebühne gestellt. Hier findet der Empfang für die vermeintliche Wohltäterin statt, die zwar einen Tag zu früh, jedoch stilvoll mit Jacht und großem Gepäck einläuft. Der vorsorglich mitgebrachte Sarg wird auf der Balustrade im 1. Stock platziert, damit nur ja keiner die geforderte Gerechtigkeit aus den Augen verliert.

25 Erwachsene, 16 Kinder, die Musikkapelle Seeham und diverse Oldtimer der Ferdinand Porsche Erlebniswelten sorgen für buntes Treiben auf, vor und neben der Seebühne. Doch ist nicht die Frage, die Dürrenmatt mit seinen Stück an die Zuschauer stellt, eigentlich eine Anklage? Ab welcher Summe ist der Mensch käuflich? Die Güllener Bürger pfeifen auf Moral und Humanität, als das große Geld winkt. Claire Zachanassian schafft es, sie so zu manipulieren, dass sie bereit sind, einen Mord zu begehen und diese Tat als Gerechtigkeit hinzustellen.

Friedrich Dürrenmatts Theaterklassiker wird in der Inszenierung von Gerard Es zur spannenden Dorfgroteske, die mit pechschwarzem Humor unterhält. Ein Sommervergnügen, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

„Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt. Bearbeitung: Gerard Es. Regie: Gerard Es. Bühnenbild: Seehamer BühnenbauTEAM. Maske: Michaela Altendorfer. Technik: Christian Greischberger, Rainer Niederreiter, Gerhard Hager. Kostüme: Christine und Irmgard Esterbauer, Katrin Wallner. Öffentlichkeitsarbeit und Fotos: Heinz Georg Tschapka, Ralf Weichselbaumer, Hans Ziller, Arge Erlebnis Kultur Seeham. Darsteller und Mitwirkende: Christian Altendorfer, Christine Altendorfer, Elena Gussnig, Matthias Hemetsberger, Franz Hillerzeder, Bianca Huber, Martina Huthmann, Monika Kloud, Jürgen Kloud, Lukas Korber, Cornelia Macher, Wolfgang Neu, Annegret Neuhofer, Manfred Pichler, Wolfgang Rehm, Astrid Rizner, Ulrike Rizner, Sabrina Russinger, Johannes Schimmerl, Barbara Schwaiger-Modl, Rudolf Waltran, Bruno Ziegler, Musikkapelle Seeham, Seehamer Vereine, Kinder aus Seeham und Umlandgemeinden.




Sons of Sissy – zünftiges Finale der Sommerszene 2017

Mit einer etwas skurrilen Performance, in der volkstümliche Rituale humorvoll hinterfragt werden, sorgte der Oberösterreicher Simon Mayer, der zu den Shootingstars des zeitgenössischen Tanzes zählt, am 1. Juli für beste Stimmung im republic.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Der Choreograf spielt mit drei jungen Männern, allesamt Musiker und Tänzer, zu Beginn mit stoischer Miene heitere Volksmusik. Bald aber ist Schluss mit der fröhlichen Schunkelmusik, denn die Melodie löst sich allmählich auf und Patric Redl macht sich mit seiner rhythmisch ein- und wieder ausatmenden Harmonika selbstständig. Stampfend, mit einem mantraartig gleichbleibendem Ton beginnt er die Bühne zu umkreisen, erst im Schritttempo, dann in wirbelnden Drehungen. Er bleibt nicht lange allein, denn auch Matteo Haitzmann lässt seinen weiten schwarzen Rock wie ein tanzender Derwisch schwingen. Die vier Tänzer formieren sich zu Paaren und geben den von Volkstänzen bekannten Bewegungen und Figuren eine etwas schräge Note, denn lange Haare und ein weiter Rock machen noch lange keine weiblichen Wesen aus den gestandenen Männern. „Dirndl drah di“ und der wild gestampfte „Siebenschritt“ entbehren so nicht einer komischen Note. Kuhglockengeläute, die Klänge einer Ratsche und das knatternde Geräusch einer „Goaßl“ (Peitsche) mischen sich mit den obligaten Juchizern. Das bei einem volkstümlichen Abend obligate Kräftemessen in Form einer Rangelei darf natürlich auch nicht fehlen.

Noch extremer wird die Performance, wenn sich die Herren vollständig entkleiden. Es wird weiter gehüpft, gestampft, geschuhplattelt und musiziert, wobei es dem Quartett durch ihre Nacktheit gelingt, die traditionellen männlichen Rollenbilder im österreichischen Brauchtum radikal und überaus humorvoll aufzubrechen. Eine leicht homoerotische Note lässt sich dabei nur schwer vermeiden.

Mit den ständigen Bewegungswiederholungen, dem rhythmischen Hüpfen und Stampfen, zeigt dieser Tanzabend auf sehr unterhaltsame Art die Verwandtschaft des alpenländischen Brauchtums mit den Ritualtänzen von Naturvölkern auf. Das Aufgehen in der gemeinsamen Bewegung gipfelt zum Finale in einem vielstimmigen Gesang. Sissys Söhne gelang es mit dieser schrägen Performance, das Publikum zumindest teilweise zu Standing Ovations von den Stühlen zu reißen.

ngg_shortcode_4_placeholder

„Sons of Sissy“ – Idee, Choreografie: Simon Mayer. Performance, Musik: Matteo Haitzmann, Simon Mayer, Patric Redl, Manuel Wagner. Klangkörper und Spezialinstrumente: Hans Tschiritsch. Bühne und Kostüm: Andrea Simeon. Licht: Martin Walitza, Jan Maria Lukas. Künstlerische Beratung: Frans Poelstra. Produktion: Sophie Schmeiser, Elisabeth Hirner. Touring: Sophie Schmeiser, Hiros. Eine Koproduktion von Kopf hoch, brut Wien, Gessnerallee Zürich, zeitraumexit Mannheim und Tanz ist Dornbirn. Fotos: © 2017 sommerszene | Peter Empl, Rania Moslam, Margaux Kolly




„Built to Last“ – Wirklich für die Ewigkeit gebaut?

Meg Stuart zählt zu den wichtigsten europäischen Choreographinnen. Zur Sommerszene 2017 brachte sie ihr mitreißendes Tanztheaterstück „Built to Last“, in der Originalbesetzung aus dem Jahre 2012, nach Salzburg ins republic. Das Publikum zeigte sich begeistert von dem wilden, verstörenden Ritt durch die Musikgeschichte.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Schon der erste Blick auf die Bühne ist vielversprechend: ein hölzernes Dinosaurierskelett, ein weißes Container-Zimmer, schwebende Riesenplaneten und zahlreiche auf das Publikum gerichtete Scheinwerfer. Die fünf Performer, drei Damen und zwei Herren, sind mit Fingerübungen beschäftigt, bevor sie mit exakten Armbewegungen versuchen, ihre Position auszuloten und eventuell doch zu kommunizieren. Kompositionen von Karlheinz Stockhausen und Iannis Xenakis sorgen für den passenden Sound, bis sich die bombastischen Klänge von Ludwig van Beethovens „Eroica“ der Körper der Tänzer bemächtigen. Eine weitere große Wende bringt Antonín Dvořáks Symphonie „Aus der Neuen Welt“.

Sommerszene 2017 Meg Stuart/Damaged Goods- Built to Last -republic Salzburg

Die neue Situation verändert wiederum den Bewusstseinszustand der Performer und weckt schlummernde Sehnsüchte. Während Anja Müller auf dem Dach des Containers versucht, den vorbeiziehenden Planeten auszuweichen, und nach einer Möglichkeit sucht, sie zu manipulieren, kämpft Davis Freeman verzweifelt gegen die übermächtige Musik von Anton Bruckners Symphonie Nr.9 an. Mit Györgi Ligetis „Atmosphères“ kehrt schließlich Ruhe ein, die Tänzer lassen sich zu Boden sinken und geben sich ganz den an- und abschwellenden Klängen hin, bevor die Scheinwerfer zum Einsatz kommen und das Publikum ins Finale blenden.

Sommerszene 2017Meg Stuart/Damaged Goods- Built to Last -republic

Beim Besuch eines Tanztheaters stellt sich die Frage, ob man das Programmheft im Vorhinein studieren oder sich doch lieber unbelastet und unvoreingenommen auf das Gebotene einlassen sollte. Nicht wirklich weiter halfen die erläuternden Texte bei „EVOL“, der jüngsten Kreation der französisch-belgischen Choreografin Claire Croizé, bei der sie sich von den Duineser Elegien von Rainer Maria Rilke inspirieren ließ und die teils improvisierten Bewegungen der vier Tänzer mit Songs von David Bowie unterlegte.

Sommerszene 2017Meg Stuart/Damaged Goods- Built to Last -republic Salzburg

Die etwas sperrige, minimalistische Performance, die am 24. Juni im republic zu sehen war, wurde zwar gefeiert, hinterließ aber dennoch ein leicht verunsichertes Publikum. Bei „Built to Last“ hingegen ist alleine schon die Aufzählung der Komponisten und ihrer Werke im Programmheft vielversprechend. Die Aufnahmen, eine historische Meta-Komposition des Dramaturgen Alain Franco, fungieren in diesem Stück als Zeitmaschine für eine Reise durch die Geschichte des Tanzes.

Sommerszene 2017Meg Stuart/Damaged Goods- Built to Last -republic Salzburg

Die Compagnie Damaged Goods wurde 1994 von Meg Stuart gegründet, um künstlerische Projekte in einer eigenen Arbeitsstruktur zu entwickeln. Über 30 Produktionen wurden bisher realisiert, wobei die Improvisation stets ein wichtiges Element darstellt. Mit „Built to Last“ hat die amerikanische Choreographin, die in Berlin und Brüssel lebt und arbeitet, ein Stück geschaffen, das sich im Spannungsfeld von Tanz und Theater bewegt. Das Zusammenspiel von Bewegung, Text, Video, Musik und Bühnenbild macht die Performance zu einem einzigartigen Bühnenerlebnis.

Sommerszene 2017Meg Stuart/Damaged Goods- Built to Last -republic Salzburg

„Built to Last“ – Eine Produktion von Damaged Goods (Brüssel) und Münchner Kammerspiele. Choreographie: Meg Stuart. Kreiert mit und performt von: Dragana Bulut, Davis Freeman, Anja Müller, Maria F. Scaroni, Kristof Van Boven. Dramaturgie: Bart Van den Eynde, Jeroen Versteele. Musikdramaturgie: Alain Franco. Sound: Roy Carroll. Sound Design: Kassian Troyer. Szenographie: Doris Dziersk. Kostüme: Nadine Grellinger. Licht: Pierre Willems. Video: Philipp Hochleichter. Fotos: sommerzene|julian Röder (1) Bernhard Müller (5)




„Battleground“ – eine leere Rüstung voller Ideale

Louise Lecavalier war als Frontfrau der kanadischen Kompanie „La La La Human Steps“ bereits viermal bei der Sommerszene zu Gast. Jetzt kehrt die Tanz-Ikone mit einer eigenen Choreografie zurück. Gemeinsam mit ihrem Bühnenpartner Robert Abubo eröffnete sie mit einer virtuosen Performance am 20. Juni die Sommerszene 2017 im republic.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Für „Battleground“ ließ sich die Kanadierin von Italo Calvinos ironischer Erzählung „Der Ritter, den es nicht gab“ inspirieren. Der Titelheld dieser Parodie auf den klassischen Ritterroman reitet zwar fürs Abendland, doch stellt seine Rüstung nur eine leere, wenngleich auch vollkommene Hülle dar. Vom Changieren zwischen Körperhaftigkeit und Körperlosigkeit erzählt auch das Stück: „Dass der Körper im Bild gefangen ist, wissen wir ja. Wir verbringen alle unsere Zeit mit ihm und kennen ihn gar nicht wirklich. Der Tanz ist eine Gelegenheit, im Körper zu sein und ihn nicht immer von außen zu sehen.“

Louise Lecavalier erscheint ganz in Schwarz, mit Kapuze über dem Kopf und beginnt den Abend mit einem furiosen, pulsierenden Solo. In irrwitzigem Tempo lässt sie Arme und Beine flattern, beben und kreisen und erinnert dabei oftmals an ein verwundetes Tier. Der Musiker Antoine Berthiaume aus Montreal liefert dazu die passenden Klangbilder, eine Mischung aus Elektronik und Perkussion. Langsam nähert sich ein dunkler Schatten. Wird es ein Freund oder ein Gegner sein? Die Annäherung, das gegenseitige Abtasten, Zu- und Abneigung wird tänzerisch virtuos in betörend verstörende Bilder umgesetzt. Die surreale Reise, eine Suche nach Identitäten und Idealen, zieht das Publikum in ihren Bann. Das minimalistische, raffiniert beleuchtete „Schlachtfeld“  gleicht einem Boxring und wird von einer unüberwindlichen Holzwand begrenzt, die die Kontrahenten aufhält und sie zu faszinierenden, an chinesische Kalligrafie erinnernden Beinübungen, zwingt. Ein flimmerndes und pulsierendes Herz kündigt auf der Mitte der Bühne nach 60 Minuten das nahe Ende der turbulenten Auseinandersetzungen an.

Die mit ungeheurer Energie, enormem Tempo und mitreißenden Technoklängen präsentierte Performance begeisterte das Publikum bei der Österreichpremiere im republic. Ein fulminanter Start in die Sommerszene 2017.

ngg_shortcode_5_placeholder

„Battleground“ – Konzept und Choreographie: Louise Lecavalier. Performance: Louise Lecavalier, Robert Abubo. Assistenz Choreographie und Probenleitung: France Bruyère. Lichtdesign: Alain Lortie. Musik: Antoine Berthiaume. Zusätzliche Musik: Steve Roach. Fotos: André Cornellier, Bernhard Müller. Kostüme: Yso.

 




„Dearly Departed“ – ein skurriles Südstaatenbegräbnis

Vor genau 50 Jahren trat die English Drama Group Salzburg mit zwei Einaktern von Edward Albee erstmals öffentlich auf. Mit einem Mini English Drama Festival wird in der ARGEkultur von 5. bis 10. Juni 2017 Geburtstag gefeiert.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Nachdem am 5. Juni die Pennyless Players aus Graz mit Yasmina Rezas Komödie „Art“ zu Gast waren, feierte die engagierte Salzburger Truppe am 6. Juni mit einer schwarzhumorigen Komödie von David Bottrell und Jessie Jones Premiere. Im Anschluss an die Vorstellung versammelten sich ehemalige Mitspieler auf der Bühne und stießen mit den Schauspielern auf weitere 50 Jahre English Drama Group Salzburg an.

Während Raynelle ihrem Mann beim Frühstück einen Brief seiner Schwester Marguerite vorliest, trifft diesen der Schlag. Nach 39 geduldig ertragenen Ehejahren hält sich die Trauer der Witwe in Grenzen. Nun heißt es, Vorbereitungen für ein würdiges Begräbnis zu treffen und die Familie um den Sarg zu versammeln. Die stets hungrige, einsilbige Tochter Delightful weicht nicht von der Seite ihrer Mutter, doch Hilfe ist von ihr keine zu erwarten. Die Familienverhältnisse der beiden Söhne hingegen bergen enormes Konfliktpotential. Während Ray-Bud zum Ärger seiner Frau Lucille gerne einen über den Durst trinkt, ist Junior permanent pleite und muss sich mit seiner nicht zu Unrecht eifersüchtigen Frau Suzanne und drei lebhaften Kindern herumschlagen. Auch der arbeitslose Sohn der bigotten Marguerite ist alles eher als ein Musterknabe. Handfeste Streitereien sind also vorprogrammiert. Zur Totenwache tauchen dann auch noch jede Menge schrullige Nachbarn und Freunde auf. Nur der Reverend lässt auf sich warten.

Die verrückte Geschichte dieser abstrusen Trauerfeierlichkeiten wird von diversen „Commercials“ unterbrochen, in denen aufgedrehte, blondgelockte Damen mit piepsiger Stimme nicht nur für Bestattungsunternehmen werben. Alois Ellmauers minimalistisches Bühnenbild mit seinen verschiebbaren weißen Wänden öffnet immer neue Räumlichkeiten  und gewährt Einblicke in diverse Wohn- und Schlafzimmer, wo ordentlich gestritten und gelästert wird. Leben und Sterben dürfte im Süden Amerikas nicht so einfach sein. Kein Wunder, dass Ray-Bud seine Frau bittet: „Wenn ich sterbe, sag es niemandem, begrabe mich im Hinterhof und sage allen, dass ich dich verlassen habe.“

Michael Darmanin gelingt es, mit seinem engagiert aufspielenden Ensemble (18 Personen!) Südstaaten-Flair auf die Bühne der ARGEkultur zu zaubern, wobei der charakteristische Akzent nicht zu überhören ist. Ein turbulenter, sehr unterhaltsamer Theaterabend. Nochmals „Happy Birthday“ der English Drama Group Salzburg. Zum Abschluss des Mini English Drama Festivals gastiert am 10. Juni das Entity Theatre e.V. aus München mit „Numbers“, einem Drama des spanischen Autors Mar Gómez Glez.

Dearly Departed“ von David Bottrell und Jessie Jones. ARGE theater – Koveranstaltung mit English Drama Group Salzburg. Producer and Director: Michael Darmanin. Assistant to Director: Desireé Frasnelli. Set: Alois Ellmauer. Costumes and Make-up: Hellmut Hölzl. Cast: Sandra Pendlebury Laing, Benjamin Scherer, Shalaine Schamrel, Konstantin Beck-Mannagetta, Claire Glover, Desireé Frasnelli, Kimberly Scherer, Wolfgang Schneeberger, Michael Darmanin, Albert Ertl, Eva Nedwed, Katharina Enzinger, Heike Maria Wild, Barbara Scherer, Samuel Scherer, Abbie Speller, Janna Ramos Violante, Vera Kern. Fotos: ARGEkultur




Petticoat & Nierentisch

„Sie wissen ja, eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich kochen und was soll ich anziehen?“ So ungeniert konnte man nur in den 50er Jahren für Backpulver werben.“ (OFF Theater)

Von Karl Traintinger

Anja Clementi, Diana Paul, Silke Stein und Alex Linse präsentierten, virtuos am Keyboard begleitet von Patrik Lutz, eine schwungvolle, bunte, musikalische Revue rund um die 50er Jahre. Themen  waren unter anderem der Abschluss des Österreichischen Staatsvertrages, das um sich greifende Wirtschaftswunder und viele neue Produkte, die vorwiegend das Leben der Frauen erleichterten und verschönerten, wie Persil, Frauengold, Tampax und Pfanni Kartoffelteig, um nur einige zu nennen.

50er Jahre Revue

Schlager wie „Komm ein bisschen mit nach Italien (von Caterina Valente, Silvio Francesco & Peter Alexander), Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett (Bill Ramsey) oder Ich wär so gern dein Teddybär (Peter Kraus)“ waren ebenso im Programm wie das kritische Hinterfragen dieser sogenannten „schönen, guten, alten Zeit“.

Das OFF Theater bietet mit Petticoat & Nierentisch einen kurzweiligen Theaterabend auf einer interessanten neuen Bühne in der Stadt Salzburg.

Das Stück Petticoat & Nierentisch steht noch einmal vor der Sommerpause am Programm: 22. Juni 2017.

ngg_shortcode_6_placeholder