„Mondscheintarif“ – Die Leiden der jungen Cora

Ildikó von Kürthys 1999 erschienener und 2001 verfilmter Erfolgsroman unterhält auch in der Bühnenfassung bestens. Daniela Meschtscherjakov schlüpft im Kleinen Theater in die Rolle der quirligen 33-jährigen Cora, die auf den Anruf ihres Traumprinzen wartet und dabei ganz offen und selbstkritisch über ihre Problemzonen spricht.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Was kann es für eine junge Frau Schlimmeres geben, als an einem Samstagabend keine Verabredung zu haben? Cora räkelt sich genüsslich in der Badewanne und überlegt, ob es nicht an der Zeit wäre, jetzt im Frühling endlich den Plastikchristbaum, ein Mahnmal ihrer letzten gescheiterten Beziehung, zu entsorgen. Ein Anruf ihrer besten Freundin Jo, die wissen will, ob „er“ schon angerufen habe, lässt Cora wieder an ihren aktuellen Favoriten denken, den göttlichen Mediziner Dr. Daniel Hoffmann. Sie erzählt freimütig von den Peinlichkeiten des Kennenlernens, vom ersten gemeinsamen Essen bei einem Italiener und schließlich von der ersten gemeinsam verbrachten Nacht.

Cora ist zwar emanzipiert, doch weiß sie auch genau, dass man einen Mann niemals nach dem ersten Sex anrufen sollte, und so heißt es für sie: warten, warten, warten. Sie gesteht, dass sie es genießt, von Männern geliebt zu werden, die sie selbst nicht liebt, denn das sei gut für ihr Selbstbewusstsein und so herrlich unkompliziert, denn die allerschlimmste Problemzone heißt für sie eigentlich „MANN“. Was macht eine Frau nicht alles, um ihm zu gefallen? Sind die Vorbereitungen für einen Abend, an dem es möglicherweise passieren könnte, nicht viel aufregender als der Sex an sich?

Cora plaudert munter weiter und führt, um nicht in Selbstmitleid zu versinken, selbstkritische und selbstironische Monologe, die tiefe Einblicke in eine leicht verwirrte, weil verliebte Frauenseele geben. Sie hat auch interessante Tipps für Gespräche mit Männern parat. „Erzählen Sie mir mehr davon!“ und „Das hab ich gar nicht gewusst!“ wirken angeblich Wunder und kommen immer gut an. Als Cora um 23.15 Uhr die Wohnung verlässt, um endlich den Christbaum zu entsorgen, kommt es auf der Straße zu einer schicksalhaften Begegnung, die so einiges klärt.

Daniela Meschtscherjakov legt sich ordentlich ins Zeug. 85 Minuten lang – die kleine Pause zwischendurch sei ihr von Herzen gegönnt – unterhält sie mit einem schonungslosen Seelenstriptease das Publikum. Sie schafft es nicht nur, in einer altmodischen weißen Badewanne die Kleider zu wechseln, sondern gibt sich, zur Ablenkung von all der Warterei, auch häuslichen Arbeiten hin. Sie beweist, dass Wäscheaufhängen und Bügeln auch auf engstem Raum möglich sind.

Florian Eisner hat Ildikó von Kürthys köstliche Liebesgeschichte mit dem nötigen Fingerspitzengefühl in Szene gesetzt. Ein witziger und pointierter Theaterabend mit einer großartigen Schauspielerin, der für Männer und Frauen Erhellendes über das jeweils andere Geschlecht bringt.

„Mondscheintarif“ – Komödie nach dem Erfolgsroman von Ildikó von Kürthy. Regie: Florian Eisner. Mit: Daniela Meschtscherjakov. Foto: MiA Design | Weitere Vorstellungen im heurigen Jahr: 29. November und 9. Dezember.

 


Hiob, eine Geschichte über Migration und Heimatlosigkeit

Der bekannte Roman von Josef Roth, welcher 1930 erschien, beschäftigt sich mit gerade diesen Themen. Der fromme Jude Mendel Singer flüchtet vom russisch-jüdischen Schtetl Zuchnow in die Metropole New York und findet sich in einer für ihn unbekannten Welt wieder. Ein zeitloses Thema von Migration und Religion, welches András Dömötör als Theaterfassung auf die Bühne bringt.

Matthias TraintingerVon Matthias Traintinger

Zu Beginn spielt die Geschichte im kleinen Zuchnow, wo der Lehrer Mendel Singer mit seiner Familie lebt. Als frommer Jude achtet der Vater streng auf seine Kinder und deren Umgang mit anderen. Am meisten beschäftigt ihn aber sein kränklicher Sohn Menuchim, der scheinbar in einer ganz anderen Welt lebt. Durch ein eher minimalistisches Bühnenbild, wirkt hier alles etwas einfacher.

Die Jahre vergehen und der Vater sieht, durch die Bedrohung der Kosaken, keine andere Möglichkeit als seinem Sohn, der schon zuvor nach Amerika geflüchtet war, zu folgen. Jedoch muss er seinen Sohn Menuchim, der die Reise wohl nicht überleben würde, zurücklassen.

In New York angekommen überrascht das Bühnenbild mit einem grellen Kontrast zum kleinen Zuchnow. Alles ist besser, größer, schöner. Nicht jedoch für Mendel Singer, er steht zwischen den Welten und kann sich auf das Neue nicht recht einlassen, er wirkt eher isoliert und einsam.

Schon wie der Titel verrät, verliert der fromme und gottesfürchtige Mendel Singer alles, was ihm diese Neue Welt gegeben hätte und mehr. Der bis dahin loyale, beinahe blind religiöse Mendel Singer verliert seinen Glauben. Schlussendlich zerbricht der religiöse Rahmen, in dem er bis jetzt gelebt hatte.

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Auch wenn das Stück vor der Pause etwas langatmig erscheint, weckt die schrille Inszenierung von New York auf. Durch den surrealen Tausch der Hauptdarsteller, gelingt Dömötör ein genialer Kunstkniff. Der Sohn wird zum Vater und der Vater wird zum Sohn. Franz Solar verkörpert den alten Mendel Singer grandios.

Mendel Singer erscheint nicht in einer Opferrolle, vielmehr sieht er sich bestraft durch Gott. Erst am Ende geschieht das Wunder, auf das er die ganze Zeit gehofft hatte. Sein Sohn Menuchim lebt, der alte zuvor verbitterte Mann weicht auf. Doch trotz des Wunders bleibt Mendel Singer gezeichnet, um ihn wirkt irgendwie alles düster.

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Hiob. Premiere im Schauspielhaus Graz am 17. 11. 2017 | REGIE: András Dömötör | BÜHNE UND KOSTÜME: Eszter Kalman | MUSIK: Elmira Bahrami, Tamás Matkó | LICHT: Viktor Fellegi | VIDEO: Éva TASKOVICS | DRAMATURGIE: Elisabeth Geyer | Mit: MENDEL SINGER / MENUCHIM – Florian Köhler, Franz Solar. DEBORAH – Susanne Konstanze Weber. SCHEMARJAH (SAM) – Raphael Muff. MIRJAM – Tamara Semzov. JONAS – Ferdinand Seebacher. MAC – Fredrik Jan Hofmann. UND – Elmira Bahrami | Fotos: (c) Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

 


„Jägerstätter“ – lebendiges, kritisches Volkstheater

Felix Mitterers Auftragsarbeit zum 70. Todestag des wegen Kriegsdienstverweigerung 1943 in Brandenburg hingerichteten Innviertler Bauern wurde schon 2013 bei der Uraufführung im Theater in der Josefstadt und anschließend beim Theatersommer in Haag umjubelt. Bei der Premiere im Schauspielhaus Salzburg am 4. November 2017 gab es Standing Ovations für eine denkwürdige Aufführung.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Franziska Jägerstätter liest einen Brief vor, in dem ihr mitgeteilt wird, dass das vom Dritten Reich verhängte Todesurteil gegen ihren Mann vollstreckt wurde. Die Bewohner von St. Radegund sind sich einig: „Er hat Schmach und Schande über unser Dorf gebracht.“ In einer Montage aus Originalzitaten und eigenem Text erzählt der Tiroler Dramatiker vom Schicksal des Franz Jägerstätters, der im Jahr 2007 selig gesprochen wurde. So deklamiert derselbe Chor, der ihn anfangs verdammt, am Ende des Stückes: „Seliger Franz Jägerstätter, bitt für uns!“

Theo Helm (Franz Jägerstätter)

Franz Jägerstätter hat eine Stalldirn geschwängert und ist auch bereit sie zu heiraten. Seine Mutter ist jedoch strikt dagegen. Sie will sogar die Alimente übernehmen, denn für ihren Sohn wünscht sie sich eine reiche Bauerstochter, schließlich soll er nach dem Tod seines Adoptivvaters einmal den Hof übernehmen. Franz ist zwar ein Einzelgänger, doch auch ein echter Hallodri, der gerne Motorrad fährt und einer Wirtshausrauferei nicht aus dem Wege geht. Er wagt es als einziger in St. Radegund gegen den Anschluss an Hitler-Deutschland zu stimmen. Als er öffentlich erklärt, dass es für ihn als Christ moralisch unmöglich sei, an einem verbrecherischen Krieg teilzunehmen, stellt sich das ganze Dorf gegen ihn, nur seine Gattin Franziska hält zu ihm. Er absolviert drei Monate Ausbildung, wird dann unabkömmlich gestellt, bis er schließlich im Februar 1943 doch einberufen wird. Nach seiner Inhaftierung wird ihm noch die Möglichkeit gegeben zu widerrufen, doch Franz Jägerstätter ist davon überzeugt: „Ich muss Gott mehr gehorchen als den Menschen…“

Theo Helm überzeugt als charismatischer, belesener, doch auch störrischer junger Bauer, der nichts auf die Meinung anderer gibt und seelenruhig, von allen belächelt, den Kinderwagen mit seinem geliebten Töchterlein durchs Dorf schiebt. Seiner Isoliertheit steht der Chor der Dorfgemeinschaft gegenüber, der nach antikem Vorbild die öffentliche Meinung kundtut. Aus diesem Chor treten immer wieder einzelne hervor und markieren prägende Stationen im Leben des Wehrdienstverweigerers. Eigentlich wollen sie ihm alle nur helfen und umstimmen, der abgehobene Bischof von Linz (Marcus Marotte), der knallharte Pflichtverteidiger (Matthias Hinz) sowie der gutmütige Oberst in Enns (Harald Fröhlich). Magdalena Oettl verströmt als „herzallerliebste“ Gattin Herzenswärme, während sich Kristina Kahlert als sitzengelassene Mutter unversöhnlich zeigt.

Das Drama um Franz Jägerstätter spielt sich in einem kalten, grauen Raum mit leichten Rostflecken ab. (Bühne: Vincent Mesnaritsch). Regisseur Peter Raffalt gelingen anrührende und bewegende Bilder, die den inneren Kampf des dreifachen Familienvaters spürbar machen. Ein groß aufspielendes Ensemble macht das von Felix Mitterer spannend durchkomponierte Stück zu einem ganz besonderen Theatererlebnis.

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„Jägerstätter“ – von Felix Mitterer. Regie: Peter Raffalt. Bühne: Vincent Mesnaritsch. Kostüme: Elke Gattinger. Musik: Georg Brenner. Mit: Theo Helm, Magdalena Oettl, Daniela Enzi, Kristina Kahlert, Antony Connor, Magnus Pflüger, Simon Jaritz, Lukas Bischof, Marcus Marotte, Harald Fröhlich, Matthias Hinz. Fotos: Jan Friese 

 

 


„Dionysien“ – ein „rauschafter“ Abend

In der Felsenreitschule präsentiert das Salzburger Landestheater ein Theaterspektakel, das Schauspiel, Oper und Ballett umfasst. Wie bei den dionysischen Festen Griechenlands folgt auf drei Tragödien mit großen mythischen Stoffen als Gegenpol eine Komödie. Bei der Premiere am 25. Oktober 2017 ließ sich das Publikum nach vier Stunden nur allzu gerne zum Mittanzen und Mitfeiern überreden.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Der Abend beginnt mit einem Stück des antiken Tragödiendichters Aischylos (525-456 v.Chr.) in einer zeitgemäßen Bearbeitung des Dramatikers John von Düffel. Carl Philip von Maldeghem hat das Drama „Der gefesselte Prometheus“ äußerst wirkungsvoll in Szene gesetzt, hängt doch der gestürzte Titan hoch oben an eine silbergrauen Wand gekettet, die Stefanie Seitz (Bühne und Kostüme) vor den Arkaden aufstellen ließ. Prometheus (Christoph Wieschke) hatte es gewagt, den Menschen verschiedene Kulturtechniken beizubringen, und wurde für seine Menschenfreundlichkeit von Zeus hart bestraft und in einen Felsen in den kaukasischen Bergen geschlagen.

Prometheus – Medea – Oedipus Rex – Der Frieden

Vergeblich versuchen ihn sein ehemaliger Weggefährte Okeanos (Georg Clementi), die von einer Bremse gequälte Io (Nikola Rudle), ein weiteres Opfer des mächtigen Zeus, sowie der Götterbote Hermes (Sascha Oskar Weis) zur Aufgabe zu überreden. Prometheus ist jedoch nicht bereit, sich der Gewalt zu beugen. Nachdem er in einer spektakulären Aktion die graue Felswand verlassen hat, wird für das nachfolgende Ballett „Medea – Der Fall M.“ ein großer Kubus auf die Bühne geschoben, in dem sich sechs Tänzer verbergen, die Gericht halten über eine Frau, die die Geliebte ihres Mannes getötet hat. Der neue Leitende Choreograph und Leiter der Ballettsparte am Salzburger Landestheater Reginaldo Oliveira feiert seinen Einstand mit einer Kreation, die 2014 für das Badische Staatsballett Karlsruhe entstanden ist.

Die Primaballerina des Theatro Municipal aus Rio de Janeiro Márcia Jaqueline und der Kammertänzer Flavio Salamanka begeistern mit einer ungeheuer intensiven Darstellung des unglücklichen Liebespaares Medea und Jason. Die mitreißende Choreographie des Beziehungsdramas, das der Frage nach Schuld und Gerechtigkeit nachgeht, berührt zutiefst.

Nach einem kulinarischen Zwischenakt in Form eines griechischen Buffets geht es gestärkt in die zweite Runde des dionysischen Großprojektes. In „Oedipus Rex“, einem Opern-Oratorium nach Sophokles, treffen alle drei Sparten des Salzburger Landestheaters aufeinander, denn diese neue Fassung des 1927 uraufgeführten Oedipus-Mythos von Igor Strawinsky (Musik) und Jean Cocteau (Libretto) ist als Synthese von Musik, Gestik und Tanz gedacht. Die lateinische Sprache unterstreicht den mythisch beschwörenden Charakter der Musik, den bei der Premiere Dennis Russell Davis am Pult des Mozarteumorchesters Salzburg perfekt umsetzte. Durch einen deutschsprachigen Erzähler (Sascha Oskar Weis) wird die Geschichte von Oedipus, der dem Willen der Götter machtlos gegenübersteht, transparent gemacht. Faszinierend und ergreifend, wenn Chor und Extrachor des Salzburger Landestheaters sowie Mitglieder des Philharmonia Chores Wien gemeinsam mit den Tänzern gestenreich Oedipus erst zujubeln, dann bedauern bevor sie ihn schließlich verdammen. Zum Finale taumelt der geblendete Vatermörder und Blutschänder durch die blutrot erleuchteten Arkaden der Felsenreitschule.

Zum versöhnlichen Abschluss stellt sich das Ensemble der Komödie „Der Frieden“ frei nach Aristophanes die Frage, wie der Friede zu retten und nie wieder zu verlieren sei. Trygaios, hier ein Erfinder aus dem Rheinland (Tim Oberließen), fliegt mit seinem „Mistkäfer“ in den Olymp. Dort trifft er nur auf den Götterboten Hermes (Sascha Oskar Weis). Die Götter haben sich aus dem Staub gemacht, denn dem Herrn von Krieg (Christoph Wieschke) ist es gelungen, die Frau von Frieden wegzusperren. Um sie zu befreien, werden wohl alle anpacken müssen. Da man sich nicht sicher war, ob das Publikum da auch mithelfen würde, hat man 100 Schülerinnen und Schüler von zehn verschiedenen Partnerschulen engagiert. Nach einer gelungenen Befreiungsaktion steht einer wilden Party nichts mehr im Wege. So enden die Salzburger „Dionysien“ in der Felsenreitschule im allgemeinen Jubel. Ein praller Theaterabend, ein antikes Spektakel, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

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„Dionysien“ Theater. Spektakel. Rausch. Nach einer Idee von Carl Philip von Maldeghem. Bühne und Kostüme: Stefanie Seitz. „Der gefesselte Prometheus“ von Aischylos in der Bearbeitung von John von Düffel. Uraufführung. Inszenierung: Carl Philip von Maldeghem. „Medea – Der Fall M.“ – Euripides. Ballett von Reginaldo Oliveira. „Oedipus Rex“ Opern-Oratorium in zwei Akten nach Sophokles. Musik von Igor Strawinsky. Libretto von Jean Cocteau. Musikalische Leitung: Dennis Russel Davies. Inszenierung: Carl Philip von Maldeghem. Choreographie: Reginaldo Oliveira. „Der Frieden“ nach Aristophanes. Inszenierung: Carl Philip von Maldeghem. Choreographie: Kate Watson. Fotos: © Anna-Maria Löffelberger

 


„Schlag auf Schlag“ – der Kampf um Anerkennung

In der neuen Produktion von TATU (vormals Taka-Tuka Theater) im Kleinen Theater dreht sich alles ums Boxen. Das Jugendtheaterstück von Eva Blum und Herman Vinck verfolgt die Karriere der ehrgeizigen, jungen Lucia Ritter, die unbedingt Profi-Weltmeisterin werden möchte.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Lucias Vater war einst Profiboxeuropameister, jetzt trainiert er jugendliche Amateure. Seine 15-jährige Tochter will es ganz nach oben schaffen: „Ich will Boxerin werden, die beste, reich und berühmt.“ Als sie, ohne Erlaubnis einzuholen, für zwei Wochen zur Europameisterschaft nach Stockholm fährt, bedeutet dies das Ende ihrer schulischen Laufbahn. Ihr Vater trainiert hart mit ihr, doch macht er sich auch große Sorgen um ihre Zukunft, denn „Frauen werden im Boxen nicht ernst genommen. Es ist ein Scheißjob.“ Lucia gewinnt zwar als Amateurin einen Siegespokal nach dem anderen, doch sie will mehr.

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Boxtraining für ein Theaterstück bei Conny König in Adnet. Foto: Michael Herzog / AUTrenalin MEDIA

Als sie einen Profivertrag samt lukrativem Werbevertrag bekommt, scheint ihr Traum in Erfüllung zu gehen. Doch bald schon bekommt sie die harten Gesetze des Profiboxsports zu spüren. Soll sie wirklich im Kampf um die Weltmeisterschaft in einer höheren Gewichtsklasse ihre Gesundheit riskieren? Ihr Vater wird schwach und sieht das pragmatisch: „Um das Geld kannst du dir fünf Nasen-Operationen leisten.“

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Boxtraining für ein Theaterstück bei Conny König in Adnet. Foto: Michael Herzog / AUTrenalin MEDIA

Die junge Salzburger Schauspielerin Sonja Zobel überzeugte in „Asip & Jenny“ als verwöhntes, pubertierendes junges Mädchen. Diesmal boxt sie voller Energie auf einen Sandsack ein. Drei Monate intensives, kraftraubendes Training mit der Salzburger Boxlegende Conny König stecken in der perfekten Box-Choreografie, die sowohl live auf der Bühne als auch in eingeblendeten Videos zu erleben ist. Wilhelm Iben gibt äußerst glaubhaft den desillusionierten Ex-Box-Champion, der einst von seinem Manager verheizt wurde und nicht wahrhaben will, dass seiner Tochter dasselbe Schicksal droht. Die Gier nach dem vielem Geld ist größer.

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Boxtraining für ein Theaterstück bei Conny König in Adnet. Foto: Michael Herzog / AUTrenalin MEDIA

Caroline Richards hat das Jugendstück, das die kurze, steile Karriere einer Boxerin aufzeigt und auf die Tücken und Schattenseiten des Profisports hinweist, mit dem nötigen Tempo in Szene gesetzt, wird doch in nur 70 Minuten eine Zeitspanne von gut sechs Jahren umrissen, in denen sich Pokal um Pokal auf der Bühne stapeln. Die bei der Generalprobe am 16. Oktober 2017 anwesenden Schüler einer Neuen Mittelschule zeigten sich schwer beeindruckt von der faszinierenden Geschichte eines jungen Mädchens, das für seinen Traum hartes Training, Schmerzen, Verletzungen und viele Entbehrungen in Kauf nimmt. Bei der anschließenden Diskussion waren sie aber vor allem am Alter und der Ausbildung der Schauspieler interessiert.

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Boxtraining für ein Theaterstück bei Conny König in Adnet. Foto: Michael Herzog / AUTrenalin MEDIA

„Schlag auf Schlag“ von Eva Blum und Herman Vinck. Produktion TATU. Regie: Caroline Richards. Musik: Axel Müller. Ausstattung: Ragna Heiny. Mit: Sonja Zobel & Wilhelm Iben. Altersempfehlung: ab 13 | Fotos: Kleines Theater/ Michael Herzog


„1984“ – Auswüchse einer totalen Überwachung

Petra Schönwald und Alina Spachidis haben George Orwells weltberühmten Roman über das Leben in einem totalitären Staat, einer manipulierten Kontrollgesellschaft, als Jugendstück für die Bühne bearbeitet. Die Premiere fand am 3. Oktober 2017 im Schauspielhaus Salzburg statt.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

In Ozeanien, einem diktatorisch geführten Staat, wird die Bevölkerung von „Big Brother“ und einer Parteielite unterdrückt. Es herrscht die totale Überwachung, selbst Gedankendelikte können den Tod bedeuten. Winston arbeitet im Ministerium der Wahrheit, einer Dokumentationsabteilung, die die Vergangenheit aktualisiert, indem sie unbequeme Daten auslöscht.

1984 Schauspielhaus Salzburg

v.l.n.r.: Cora Mainz (Telegirl), Jonas Breitstadt (Winston Smith)

Über nicht abschaltbare „Televisoren“ wird er ständig überwacht. Wenn er die verordneten Fitnessübungen für 30- bis 40-Jährige oder die geforderten Hass-Minuten nicht exakt ausführt, gibt es Abmahnungen. Ihm ist bewusst, dass man in diesem Staat nur sicher ist, wenn man mit den Wölfen heult. Dennoch versucht er, der Überwachung zu trotzen und sich durch Aufzeichnungen in einem Tagebuch ein wenig Privatsphäre zu sichern. Bei seinen Bemühungen, etwas über die reale, nicht redigierte Vergangenheit zu erfahren, findet er in Julia, einer Aktivistin der Anti-Sex-Liga, eine Verbündete. Noch bevor sie sich der rebellischen Bruderschaft anschließen können, werden sie von O’Brien, einem Spion, der für die Gedankenpolizei arbeitet, verraten und landen zur Umerziehung im Ministerium der Liebe. Hier wartet nach drei Stufen zur Heilung, „Lernen – Verstehen – Akzeptieren“, der gefürchtete Raum 101 auf sie.

Wenn Winston (Jonas Breitstadt) weiße Rollos herunterzieht, befindet er sich zwar allein in seiner Wohnung, doch der fordernden Stimme von der Videowall kann er nicht entkommen. Zweifel an der Sinnhaftigkeit seiner Arbeit nagen an ihm, denn ihm ist klar: „Wer die Macht über die Geschichte hat, hat auch Macht über Gegenwart und Zukunft.“ Völlig zufrieden hingegen scheint sein Nachbar (Lukas Bischof) zu sein, arbeitet er doch mit großer Begeisterung an der Vernichtung von Wörtern. Dass die Gründung einer neuen Sprache gleichbedeutend mit der Auslöschung des freien Geistes ist, kommt ihm nicht in den Sinn. Tilla Rath trägt als Julia zwar die Schärpe der Anti-Sex-Liga, doch revoltiert sie auf ganz spezielle Art gegen das herrschende System. Sadistische Züge zeigt Olaf Salzer als Angestellter im Ministerium der Liebe bei der Umerziehung der Verräter.

Petra Schönwald hat die stark komprimierte Fassung von Orwells dystopischem Text über ein System vollkommener Überwachung mit ungeheurem Tempo in Szene gesetzt. Julie Weidelis Bühnenbild wird von einer riesigen Videowall beherrscht, den Bewohnern Ozeaniens hat sie senfgelbe Einheitsanzüge verpasst. Die Jugend kennt „Big Brother“ von diversen Reality-Shows, hier werden jedoch die Auswüchse einer totalen Überwachung eindrücklich aufgezeigt. Erschreckend die täglichen Zwei-Minuten-Hassschreie, die in einer „Hateweek“ gipfeln, sowie das grausame Finale im Ministerium der Liebe. Die Regisseurin sieht ihre Inszenierung auch als Kritik am lebensdurchdringenden Kapitalismus. Ein starkes Stück, eine starke Inszenierung, die sicherlich auch das jugendliche Publikum nicht kaltlassen wird.

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„1984“ von George Orwell. Für die Bühne bearbeitet von Petra Schönwald und Alina Spachidis. Regie: Petra Schönwald. Ausstattung: Julie Weideli. Musik: Raphael Busa. Video: Michael Winiecke. Mit: Jonas Breitstadt, Tilla Rath, Lukas Bischof, Janna Ambrosy, Nico Raschner, Cora Mainz, Olaf Salzer. Fotos: Jan Friese


„Usher“ – ein zeitloser Alptraum

Der US-amerikanische Autor Edgar Allan Poe (1809 – 1849) hatte großen Einfluss auf den Symbolismus, die Entwicklung der phantastischen Literatur und der Kriminalliteratur. Eine Bühnenfassung seiner Kurzgeschichte „Der Untergang des Hauses Usher“ feierte am 5. Oktober 2017 im OFF Theater gruselige Premiere.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Das Publikum erfasst beim Betreten des Saales ein „frostiges Erschauern“, hervorgerufen durch eine „übersteigerte Atmosphäre des Grauens“, denn das Ensemble hat sich große Mühe gegeben und mit viel Liebe zum Detail das Interieur eines uralten Schlosses aufgebaut. Weiße Tücher ersetzen die morschen Mauern mit ihren blicklosen Fensteraugen, Unmengen von alten Büchern liegen verstreut am Boden. Selbst der Wind zaubert eine schaurige Melodie. Hier also leben die letzten Erben eines im Sterben liegenden Geschlechts, der kränkliche Roderick Usher und seine ebenfalls sieche Zwillingsschwester.

Roderick bittet einen Freund aus Kindertagen zu sich aufs Schloss. Er ersucht ihn um Beistand, leide er doch schwer unter mysteriösen Heimsuchungen und phantastisch suggestiven Wahngebilden. Er glaubt, seine Probleme seien bloß eine Nervenangelegenheit, eine krankhafte Verschärfung seiner Sinne. Der Besucher muss hilflos zusehen, wie Roderick  von Albträumen gequält rastlos herumirrt und sich sein Geist immer mehr trübt. Nachdem der Schlossherr seine Schwester in der Familiengruft beerdigen musste, kommt es in einer schauerlichen Gewitternacht zum finalen Showdown.

Max Pfnür verkörpert eindrucksvoll den von Ängsten gepeinigten Roderick, der dem Wahnsinn nahe, einem unausweichlichen Schicksal entgegenwankt. Jonas Zacharias muss als namenloser Besucher den düsteren Totentanz miterleben und beeindruckt durch die Rezitation betörend schöner, romantischer E. A. Poe-Texte. Benjamin Linse darf als junger Roderick noch mit Murmeln spielen, bevor er als Todesengel die Bewohner des Schlosses umkreist. Rodericks Zwillingsschwester Madeline taucht nur als Schatten auf, bevor sie in Tücher gehüllt in der Gruft verschwindet.

Alex Linse gelingt es mit dieser Inszenierung perfekt, das Publikum mit E. A. Poes düsteren Angstgespinsten zu umgarnen. Er lässt phantastische Bilder entstehen, die man so schnell nicht vergessen wird. Zu der überaus gelungenen Performance trägt auch Milan Stojkovic mit seinen Improvisationen am Klavier bei. Ein Gesamtkunstwerk, ein empfehlenswerter Gruselabend voll Schönheit und Schrecken.

„Usher“ nach E. A. Poe. Uraufführung. Regie: Alex Linse. Textfassung: Max Pfnür. Ausstattung: Ensemble. Maske: Andrea Linse. Kostüme: Abozar Hussaini. Mit: Max Pfnür, Jonas Zacharias und Benjamin Linse. Klavier/Komposition/Improvisation: Milan Stojkovic. Madelines Stimme: Natalie Siegl. Foto: OFF Theater


„Adonis bekommt Besuch“ – und ist gar nicht erfreut

Der deutsche Dramatiker, Regisseur und Schauspieler Fred Apke arbeitet vorwiegend in Polen. Sein preisgekröntes Kinderstück hat als Musical im Teatr Roma in Warschau bisher über 150 Aufführung erlebt. Am 3. Oktober 2017 fand im Kleinen Theater die deutschsprachige Uraufführung statt. Eine entzückende Aufführung von Gregor Matysik mit viel Musik flott in Szene gesetzt.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Adonis bekommt BesuchEin prachtvoller, vergoldeter Thron steht mitten auf der Bühne, davor schläft friedlich Adonis, ein etwas zerrupfter Papagei. Er selbst ist jedoch von seiner Schönheit überzeugt, bewundert sich nach dem Aufwachen im Spiegel und ist hoch zufrieden. Wo aber bleiben seine Diener mit dem Futter? Er beschließt, sie zu bestrafen und nicht mehr für sie zu singen und zu tanzen.

Endlich kommt das Essen und schon sind seine Drohungen vergessen. Vergnügt trällert er: „Guten Morgen, ich bin gut drauf“. Doch dann entdeckt er einen hässlichen schwarzen Haufen, „der lebt und Augen hat“, hinter seinem Thron. Was hat diese räudige Krähe mit ihren Flöhen im Palast von Adonis zu suchen? Und dann behauptet dieser unmögliche Vogel auch noch, dass sein Palast ein Käfig sei.

Nach und nach muss der eingebildete „König der Welt“ feststellen, dass er eigentlich gar nichts weiß. Er kennt weder Straßen, Autos noch Ampeln. Kein Wunder, wenn man ständig singt: „Alles dreht sich nur um mich, ICH, ICH, ICH.“ Die Krähe ist zwar rotzfrech, kommt sie doch direkt von der Straße, doch immer stärker wird ihre Sehnsucht nach der Familie.

Der eitle, selbstzufriedene Papagei will ihr zur Flucht verhelfen, kann er dann doch endlich seinen Palast wieder ganz für sich alleine haben. Doch irgendwie ist er verunsichert, wird es jemals wieder so schön sein wie zuvor? Das neugewonnene Wissen verunsichert ihn. Wäre die Freiheit nicht doch vielleicht auch für ihn eine Option?

Jurek Milewski stolziert als eitler Adonis über die Bühne, er singt und tanzt hingebungsvoll für seine Diener und regt sich über das erbärmliche Gekrächze der Krähe auf. Das Publikum dürfte das anders sehen, denn Cassandra Rühmling überrascht mit geschulter, glockenheller Stimme. Die flotte Choreographie zu den munteren Liedern stammt von Beata Milewksa. Wenn sich zwei streitbare Vögel balgen, dass die Federn fliegen, so ist das äußerst vergnüglich. Herzerwärmend hingegen ist es, wenn der unbedarfte Papagei erfährt, dass Lachen der Seele Flügeln verleihen kann und dass seine Flügel nicht nur Zierde sind.

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„Adonis bekommt Besuch“ von Fred Apke. Miluna Theater. Ein Stück für Kinder und alle anderen mit Liedern und Musik. Deutschsprachige Uraufführung. Regie: Gregor Matysik. Bühne: Alois Ellmauer. Musik: Cassandra Rühmling und Klaus Kircher. Liedertexte: Juliane Kovacs und Cassandra Rühmling. Choreographie: Beata Milewska. Produktion: Jurek Milewsi. Fotos: Christian Treweller | Altersempfehlung: ab 5 Jahren

 


„Besuchszeit“ – im Altersheim, im Gefängnis und in der Psychiatrie

Der österreichische Dramatiker und Schauspieler Felix Mitterer, der sich selbst gerne als „Tiroler Heimatdichter und Volksautor“ bezeichnet, wird Anfang nächsten Jahres 70 Jahre alt. Im Kleinen Theater steht bis 29. Dezember 2017 sein grandioser Einakterzyklus über das Leben am Rande der Gesellschaft am Programm. Ein zutiefst berührender, aber auch sehr unterhaltsamer Theaterabend, den man nicht versäumen sollte.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Während Doris Kirschhofer das Publikum mit „flirrenden Obertönen, vibrierenden Untertönen und schrägem Yodeling, vereint mit sinnlichem Akkordeon“ unterhält, stürmt Anita Köchl ohne Kostüm und Maske auf die Bühne. Mit ein paar geschickten Handgriffen wird aus der energiegeladenen Frau in besten Jahren eine körperlich gebrechliche Greisin, die im Altersheim den Besuch ihrer Schwiegertochter erwartet. Die dick- und sturköpfige Alte sudert dahin, fühlt sie sich doch hier wie in einem Gefängnis. Einziger Lichtblick sind die jungen Zivis, von denen sie sich nur allzu gerne baden lässt. Ein Beschwerdebrief über die untragbaren Zustände und das grauenhafte Essen im Heim ist schon unterwegs zum Bundespräsidenten.

Besuchszeit | Felix Mitterer

Foto: Kleines Theater | Edi Jäger

In einem Frauengefängnis wird eine „Mörderin“ von ihrem Mann, den sie mit einem Messer erstechen wollte, besucht. Doris Kirschhofer leiht diesem nur die Gestalt, die gefühlskalte männliche Stimme kommt aus dem Off. Hier im Gefängnis fühlt sich die Täterin endlich frei, die langen Jahre der Unterdrückung durch und Schufterei für den ungeliebten Ehemann sind Vergangenheit, hier gibt es sogar echte Sonntage, an denen nicht gearbeitet wird.

Besuchszeit

Foto: Kleines Theater | Bernhard Rothschädl

Für die dritte Szene verwandelt sich Anita Köchl in einen alten, kahlköpfigen Mann, der die Wirklichkeit verdrängt. Seine Geschwätz über die Weltverschwörung der „Elektrischen“ und eine spektakuläre Aktion zur Verhinderung eines Autobahnbaues haben ihn schließlich in eine geschlossene Anstalt gebracht. Seine Tochter, der er die Schuld an all seinem Unglück gibt, kommt auf Besuch, doch der Verwirrte erkennt sie nicht, er ist nur wütend, dass er dauernd geduzt wird.

Anita Köchl beweist an diesem Abend Mut zur Hässlichkeit. Ihr in der ersten Szene beim Verzehr der heißgeliebten Erdnüsse, einem Mitbringsel ihrer Schwiegertochter, zuzusehen, ist ein komödiantisches Highlight, ihr listiger Blick spricht Bände. Den alten, wütenden Bauern verkörpert sie so realistisch, dass man fast vergisst, dass sich hinter der Maske eine Frau verbirgt. Doris Kirschhofer schlüpft in die Rolle der Besucher, die allesamt unter gesellschaftlichen Zwängen zu leiden haben. Zwischen den Szenen sorgt sie mit ihrer schrägen Musik, die sie selbst gerne mit Begriffen wie „Lakritzpop“, „Alpinfolk“ und „Heidigrunge“ umschreibt, für musikalische Höhepunkte. Auch die ganz speziellen raschelnden Knitterkostüme der „Eingeschlossenen“ bzw. „Weggesperrten“ hat sie entworfen.

Hanspeter Horner hat die „bittersüße Satire“, die hervorragend in die intime Atmosphäre des Kleinen Theaters passt, mit dem nötigen Gespür für Mitterers schrägen Humor in Szene gesetzt. Ein trotz des ernsten Themas urkomischer Theaterspaß, der bei der Generalprobe am 28.9.2017 von Abonnenten der Salzburger Nachrichten heftig bejubelt wurde.

„Besuchszeit“ – Bittersüße Satire von Felix Mitterer. Von und mit Hanspeter Horner (Regie), Anita Köchl (Schauspiel, Produktionsleitung), Doris Kirschhofer (Schauspiel, Musik und Kostüme).


„Das Bildnis des Dorian Gray“ – Jugendwahn und Altersängste

Der einzige Roman des irischen Schriftstellers Oscar Wilde, sein wohl bekanntestes und erfolgreichstes Werk, wurde von der Regisseurin Charlotte Koppenhöfer für das Schauspielhaus Salzburg dramatisiert. Mit ihrer klaren, düsteren, Endzeitstimmung verbreitenden Inszenierung zog sie bei der Premiere am 21. September 2017 das Publikum unweigerlich in Bann.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Der junge und reiche Dandy Dorian Gray wird wegen seiner Schönheit von der Londoner Society hofiert. Als er ein von seinem Freund, dem Maler Basil Hallward, angefertigtes Porträt erblickt, ist er von sich selbst und seinem jugendlichen Aussehen fasziniert. Lord Henry Wotton macht ihn jedoch schonungslos auf die Tücken des Alterns aufmerksam. Kein Wunder, dass der selbstverliebte junge Mann beginnt, sich nach ewiger Jugend zu sehnen: „Warum kann ich nicht für immer jung bleiben, während das Bild an meiner Stelle altert?“ Dafür wäre er sogar bereit, seine Seele zu geben.

Dorian Gray

Nach einer verpatzten Aufführung demütigt Dorian seine Verlobte, die Schauspielerin Sibyl Vane, dermaßen, dass sie Selbstmord begeht. Gewissensbisse plagen ihn nur wenige, doch muss er feststellen, dass auf seinem Porträt erste Anzeichen von Grausamkeit sichtbar werden. Er wird nun immer maßloser und grausamer. Sein ausschweifendes Leben hinterlässt weitere Spuren auf dem Bild, das schließlich immer mehr zur Fratze wird, zum Bild eines Verfluchten. Er selbst jedoch bleibt weiterhin jung und makellos schön.

Dorian Gray

Von viktorianischem Flair ist wenig zu entdecken in dem kühlen, modernen, von Neonröhren ausgeleuchteten „Salon“ (Ausstattung: Julie Weideli), in dem sich die eleganten Vertreter der im Luxus lebenden britischen Oberschicht des 19. Jahrhunderts geistreiche Wortgefechte liefern. Bedrohlich aussehende Schlingpflanzen wachsen aus dem Boden und ranken sich die gleißend weiße Mauer empor. Auch auf den Kostümen sowie Sibyls nackten Beinen haben die gierigen Pflanzen schon ihre Spuren hinterlassen. Einzig erkennbarer Luxus ist ein in der Mitte des Raumes platzierter, mit Champagner wohlgefüllter Mini-Kühlschrank.

Dorian Gray

Jan Walter überzeugt in der Rolle der hedonistischen Titelfigur, für die die Erfüllung eines Traums zum Albtraum wird. Als sein verdorbener, völlig unmoralischer Freund und Mentor Lord Henry Wotton darf Simon Jaritz mit boshaften, gewissenlosen Kommentaren glänzen. Hilflos muss Magnus Pflüger als Maler Basil Hallward dem verwerflichen Treiben zusehen, dem Sibyl Vane (Kristina Kahlert) und ihr Bruder (Frederic Soltow) zum Opfer fallen. Juliane Schwabe komplettiert als Wottons laszive, kettenrauchende Kusine das bestens aufeinander eingestimmte Ensemble.

Dorian Gray

Oscar Wildes Klassiker über den Wunsch nach Schönheit und ewiger Jugend passt hervorragend in unsere Zeit, in der maskenhafte Botox-Gesichter zum Alltag gehören. Die ebenso klugen wie boshaften Bonmots, die der Autor den dekadenten Protagonisten in den Mund legt, sorgen immer wieder für verschämtes Lachen im Publikum. Ein starkes Stück, eine starke Inszenierung, die unter die Haut geht.

Dorian Gray

Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oskar Wilde. Regie & Fassung: Charlotte Koppenhöfer. Ausstattung: Julie Weideli. Musik: Christian Meschtscherjakov. Mit: Jan Walter, Simon Jaritz, Magnus Pflüger, Juliane Schwabe, Kristina Kahlert und Frederic Soltow. Fotos: jan Friese | Schauspielhaus


„Hoffmanns Erzählungen“ – ein Leben für die Kunst

Mit Jacques Offenbachs letztem Bühnenwerk, einer phantastischen Oper über ein verträumtes Dichtergenie und seine unglückliche Liebe zu „drei bezaubernden Sirenen“, eröffnet das Salzburger Landestheater die neue Spielzeit. Stürmischen Applaus bei der Premiere am 23.September 2017 für eine eindrucksvolle Inszenierung und hervorragende gesangliche Leistungen.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Jacques Offenbach (1819-1880) hatte ein unvollendetes Werk hinterlassen, dessen Uraufführung erst einige Monate nach dem Tod des Komponisten in der Pariser Opéra Comique stattfinden sollte. Fehlende Passagen wurden von anderen Komponisten ergänzt. Da Anzahl und Anordnung der Musik und Szenen nicht vollends geklärt sind, ist jede Produktion von „Hoffmanns Erzählungen“ einzigartig. Die Fassung, die im Salzburger Landestheater in der Regie von Alexandra Liedtke zu sehen ist, besticht durch inhaltliche und musikalische Verständlichkeit, wobei sich die deutsche Sprache samt Übertiteln als äußerst hilfreich erweist.

Hoffmanns Erzählungen

Zu Beginn befinden wir uns in einer Theaterkantine während der Vorstellung von „Don Giovanni“. Es dürfte sich wohl um eine moderne Inszenierung handeln, denn die Chorsänger, die hier Bier und Wein kräftig zusprechen, tragen zu Frack-Sakkos weiße Ballettröckchen. An einem Tisch versucht Hoffmann, der Poet mit Schreibblockade, konzentriert zu arbeiten, und bekommt von dem ganzen Wirbel rund um ihn wenig mit. Doch als man ihn auffordert, das Lied von Kleinzack zum Besten zu geben, schweifen seine Gedanken ab zu den drei Frauen, denen er sein Leben gewidmet hat: der Puppe, der Kurtisane und der Künstlerin. In Begleitung seiner Muse durchlebt er noch einmal die unseligen Liebesgeschichten.

Hoffmanns Erzählungen

In einem Kuriositätenkabinett voll mumifizierter Abnormitäten liegt die schöne Olympia reglos in einer Vitrine. Grausam ist Hoffmanns Erwachens, als er erkennen muss, dass es sich bei seiner Angebeteten nur um einen Automaten, ein seelenloses Objekt, handelt. Auch in Venedig endet die Liebe zur Kurtisane Giulietta tragisch und wiederum sind diabolische Kräfte im Spiel. Seiner kränklichen jungen Braut Antonia vermag er ebenfalls nicht zu helfen. Gegen die fiesen Tricks des teuflischen Doktors Mirakel ist er machtlos. Kein Wunder, dass er im Alkohol Trost sucht: „Das einzig lockende Ziel ist Trunkenheit, der Rest ist nur verlorene Zeit.“

Hoffmanns Erzählungen

Franz Supper, langjähriges Ensemblemitglied des Landestheaters, stemmt die anspruchsvolle Titelpartie mit Bravour. Mit kultiviertem Mezzosopran steht ihm Carmen Seibel als Muse und Alter Ego zur Seite. Tamara Ivaniš besticht als famose, puppenhafte Olympia mit gestochen scharfen Koloraturen. Auch Angela Davis als verführerische Giulietta und Anne-Fleur Werner als leidende Antonia können überzeugen. Bei den Herren übernimmt George Humphreys mit mächtigem, klarem Bariton die Rolle der Bösewichte, während Alexander Hüttner mit sichtlichem Vergnügen in die kleinen, komischen Dienerrollen schlüpft.

Die wunderbaren, phantasievollen Kostüme von Johanna Lackner passen hervorragend zu den detailreichen, eindrucksvollen Szenerien, die Bühnenbilder Falko Herolds auf die Bühne stellt.

Das Mozarteumorchester Salzburg unter der umsichtigen musikalischen Leitung von Adrian Kelly und der sowohl gesanglich als auch darstellerisch blendend disponierte Chor und Extrachor des Salzburger Landestheaters sorgen für einen Opernabend, der kaum Wünsche offenlässt. Eine gelungene Inszenierung von Alexandra Liedtke, die es schafft, etwas Klarheit in die doch etwas verwirrende märchenhafte Handlung zu bringen.

„Hoffmanns Erzählungen“ – Phantastische Oper in fünf Akten. Musik von Jacques Offenbach. Libretto von Jules Barbier und Michel Carré. Musikalische Leitung und Dirigat: Adrian Kelly. Inszenierung: Alexandra Liedtke. Bühne und Video: Falko Herold. Kostüme: Johanna Lakner. Mit: Franz Supper/Wolfgang Schwaninger, Carmen Seibel/Tamara Gura, George Humphreys/Einer Th. Gudmundsson, Alexander Hüttner, Tamara Ivaniš, Angela Davis, Anne-Fleur Werner, Jevheniy Kapitula/Emmanouil Marinakis, Michael Schober/ Rudolf Pscheidel, Gürkan Gider, Elliot Carlton Hines, Raimunds Juzuitis. Mozarteumorchester Salzburg. Chor und des Salzburger Landestheaters. Fotos: Anna-Maria Löfelberger/ SLT | Video: SLT

 

 

 

 


„Illusionen einer Ehe“ – ein amüsantes Ehegemetzel

Das Schauspielhaus Salzburg eröffnet die Saison 2017/18 mit einer spritzigen, niveauvollen französischen Boulevardkomödie des 1956 in Tunis geborenen Autors Eric Assous. Die Österreichische Erstaufführung des mit dem renommierten Prix Molière ausgezeichneten Stückes fand am 17. September 2017 im Studio statt.

Jeanne und Maxime sind schon längere Zeit, eigentlich relativ glücklich, verheiratet. Jeannes Vorschlag einer Bestandsaufnahme, einer Offenlegung aller außerehelichen Bettgeschichten, kommt bei ihrem Gatten gar nicht gut an. Sie verspricht jedoch absolute Absolution und garantiert Vergebung im Vorhinein, denn sie will ja nur „die Zähler zurückstellen, wieder auf Null“.

Illusionen einer Ehe

v.l.n.r.: Antony Connor (Maxime), Susanne Wende (Jeanne)

Illusionen einer Ehe

Nach der etwas peinlichen Offenbarung steht es 12:1 für Maxime. Doch anstatt sich zu schämen, beginnt er zu grübeln. Was ist verwerflicher, zwölf flüchtige Affären, die nichts zu bedeuten hatten, oder eine längerfristige (9 Monate!) Beziehung, bei der wohl unweigerlich Gefühle im Spiel waren? Wer mag wohl der Schurke gewesen sein, dessen Namen Jeanne auf gar keinen Fall preisgeben will? Wäre es möglich, dass sein bester Freund Claude, mit dem Jeanne jede Woche Tennis spielt, der Übeltäter ist? Bei einem gemeinsamen Mittagessen will er der Sache auf den Grund gehen.

Illusionen einer Ehe

v.l.n.r.: Antony Connor (Maxime), Bülent Özdil (Claude), Susanne Wende (Jeanne)

Süffisant lächelnd beobachtet Susanne Wende als betrogene Ehefrau, leicht unterkühlt, doch nicht emotionslos, ihren etwas cholerischen Ehemann. In dieser Rolle hat Antony Connor, als überheblicher, unverbesserlicher Macho, schwer mit seinen Eitelkeiten zu kämpfen. Als Dritter im Bunde überzeugt Neuzugang Bülent Özdil als armes Opfer Claude. Man sieht ihm förmlich an, dass er sein Leben nicht im Griff hat, ist er doch arbeitslos und frisch geschieden. Und nun wird er von seinem besten Freund noch einem peinlichen Verhör unterzogen. Kein Wunder, dass dem bedauernswerten Mann vor Erstaunen und Verwirrung ständig die Stimme bricht. Einfach großartig!

Isabel Graf (Ausstattung) platziert das Publikum rechts und links der raffiniert verspiegelten Bühne. Doch weder das lieblich-grüne Blätterdach, noch das über eine Mauer plätschernde Wasser zeigen beruhigende Wirkung auf den von Eifersucht geplagten Maxime. Christoph Batscheider hat das äußerst geschickt gebaute, charmante Boulevardstück mit der erforderlichen Lockerheit inszeniert.

Nach diesem Theaterabend, der mit Situationskomik und Wortwitz bestens unterhält, stellt sich die Frage: Wie viel Wahrheit verträgt eine glückliche Ehe? Eric Assous vertritt die Ansicht: „Es gibt keine Lüge ohne Konsequenz, keine Wahrheit ohne Gefahr. Letztendlich muss absolutes Vertrauen eine Illusion bleiben. Ohne Zweifel ist das die Grundbedingung für den Ehefrieden.“

„Illusionen einer Ehe“ von Eric Assous. Österreichische Erstaufführung. Regie und Dramaturgie: Christoph Batscheider. Ausstattung: Isabel Graf. Mit: Susanne Wende, Antony Connor und Bülent Özdil. Fotonachweis: Schauspielhaus | Jan Friese

Elisabeth Pichler

 

Eine Theaterkritik von Elisabeth Pichler